Islamabad schickt erneut eine Delegation nach Kabul
Pakistan drängt die Taliban zur Auslieferung bin Ladens

Eine pakistanische Delegation von Vertretern der wichtigsten islamischen Parteien unternimmt am heutigen Freitag in Kandahar einen weiteren Versuch, den afghanischen Taliban-Chef Mullah Omar zu überzeugen, mit der internationalen Gemeinschaft zusammenzuarbeiten.

bi ISLAMABAD. Es sei der "letzte Versuch", so ein Sprecher von Präsident Pervez Musharraf. Meldungen, wonach die Regierung auch Beamte des Außenministeriums und des Geheimdienstes nach Afghanistan beordert habe, wurden in Islamabad aber dementiert.

Der Gruppe gehören u.a. Politiker wie Samiul Haq und Fazlur Rahman an, die zu den treuesten Verbündeten der Taliban zählen. In von Samiul Haq geleiteten Trainingslagern werden Kämpfer für den "Heiligen Krieg" ausgebildet, und mehrere Tausend Anhänger von Fazlur Rahmans Partei " Jamia Ulema Islam" (JUI) sollen an der Seite der Taliban im Norden des Landes kämpfen. In Islamabad kursieren Gerüchte, wonach sich in den letzten Tagen weitere JUI- Kämpfer nach Afghanistan aufgemacht haben, um den Taliban beizustehen.

Existentielle Gefährdung des Taliban-Regimes

Die Parteien, deren Führer auf Drängen ihrer Regierung nach Afghanistan reisten, haben ihren bitteren Widerstand gegen Pakistans Kooperation mit den USA allerdings nicht revidiert. Sie werden aber eingesehen haben, so meinen Diplomaten in Islamabad, dass die Verweigerung einer Auslieferung Osama bin Ladens, der als Hauptverantwortlicher für die Terroranschläge in New York und Washington gilt, das Ende des Taliban-Regimes bedeuten könnte. Anzeichen für die existentielle Gefährdung des Taliban-Regimes sind die Entwicklungen im Norden des Landes, wo ein erster Angriff der Nordallianz auf Mazar e-Sharif, die wichtigste Stadt in der Region, erfolgte, der aber abgewehrt werden konnte. Auch wenn die USA auf diplomatische Avancen der Nordallianz vorsichtig reagieren, so hat die geänderte Weltmeinung die Soldateska im Norden doch nicht nur hoffähig gemacht, es soll sich auch ihre Versorgung mit Waffen durch Russland und Iran verbessert haben.

Ein Grund für die Zurückhaltung der USA ist die äußerst frostige Beziehung zwischen Pakistan und der Nordallianz. Diese beschuldigt Islamabad, die Taliban logistisch und mit Waffen und anderem Material zu unterstützen, während Pakistan in den Partnern der Nordallianz nur "Kriegsfürsten" sieht.

Vor zwei Tagen warnte Pakistans Außenminister Abdus Sattar vor einer Machtübernahme durch die Nordallianz in Kabul. Es wäre ein weiteres Disaster, wenn ein Land einer einzelnen Partei den Vorrang geben würde, erklärte er zum Abschluss des Besuchs der hochrangigen EU-Delegation in Islamabad, die gegenwärtig die "Frontstaaten" besucht. Belgiens Außenminister Louis Michel beglückwünschte als amtierender EU-Ratsvorsitzender Pakistans Regierung für ihren "mutigen Schritt", der Koalition gegen den Terrorismus beizutreten. Es sei nun Zeit, "eine neue und langfristige Partnerschaft" aufzubauen.

Pakistan werde sich nie an einer feindlichen Aktion gegen Afghanistan beteiligen

Pakistanische Kommentatoren zeigten sich erfreut, aber auch etwas belustigt über einen solchen plötzlichen Sinneswandel. "Vor zwei Wochen waren wir noch Parias", meint etwa Mohammed Waseem, Professor an der Universität von Islamabad. Er ist besorgt über die Eile, mit welcher der demokratische Westen seine bisherigen Bedenken gegenüber Musharrafs Modell einer "gelenkten Demokratie" nun als "interessantes Experiment" einstuft.

In Islamabad hat die Äußerung aus Washington, dass der Krieg gegen den Terror nicht mit einem "D-Day" beginnen werde, die Gemüter etwas beruhigt, nachdem zunächst stündlich US-Luftangriffe erwartet worden waren. Ein von der Regierung organisierter Solidaritätstag für die Terroropfer fand kaum öffentliche Unterstützung, ebensowenig Gegenproteste der Islamisten.

Zur Beruhigung hat auch beigetragen, dass eine direkte militärische Beteiligung Pakistans an einer US-Expedition gegen Afghanistan unwahrscheinlich ist. Die aggressive Zurückweisung jeder Beteiligung Irans durch den "geistlichen Führer" Chamenei wurde in Pakistan mit großer Zustimmung quittiert. Sie fand ihr Echo in der Versicherung des pakistanischen Außenministeriums, dass sich Pakistan "nie an einer feindlichen Aktion gegen Afghanistan oder das afghanische Volk beteiligen wird".

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