Islamische Gotteskrieger haben enormen Einfluss
Afghanistans Herrscher in der Zwickmühle

Wie sie es auch drehen oder wenden: Afghanistans radikalislamische Taliban-Herrscher können nicht gewinnen. Liefern sie den Top-Terroristen Osama Bin Laden an die USA aus, werden sie einen hohen Preis dafür bezahlen müssen.

ap KABUL. Gewähren sie dem mutmaßlichen Drahtzieher der Anschläge von New York und Washington weiter Schutz, wird der Preis vermutlich noch höher: militärischer Selbstmord im Kampf gegen die Supermacht USA.

Taliban-Führer Mullah Mohammed Omar hat vor nicht allzu langer Zeit eine Auslieferung Bin Ladens ausgeschlossen. Dies wäre ein Verrat am Islam, sagte der zurückgezogen lebende Omar. Würden die international weitgehend isolierten Taliban den aus Saudi-Arabien stammenden Bin Laden in die Hände der Vereinigten Staaten geben, wäre dies ein Schlag ins Gesicht aller islamischen Fundamentalisten, auf deren Hilfe sie stärker denn je angewiesen sind.

Sie kommen aus Tschetschenien, Usbekistan, Pakistan, Saudi-Arabien, Ägypten, Algerien und Jemen. Beobachter schätzen die Zahl der selbst ernannten ausländischen Gotteskrieger in Afghanistan auf etwa 6.000. Die Taliban bezeichnen sie euphemistisch als Gäste, doch längst bilden sie das Rückgrat der eigenen Herrschaft: Der Einfluss der zumeist arabischen Eiferer auf die Geschicke des von zwei Jahrzehnten Krieg zerstörten Landes ist in den letzten Jahren immer größer geworden. Im Kampf der Taliban gegen die nordafghanische Opposition stellen sie Tausende von Streitern an vorderster Front.

"Man behält sie fürs Kämpfen"

Ihre schiere Zahl und ihr Geld sichern den Kämpfern aus dem Ausland ihren Einfluss. "Man behält sie fürs Kämpfen. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen", erklärte ein ranghoher Taliban-Vertreter, der namentlich nicht genannt werden will.

Die ausländischen Krieger haben in Afghanistan Dutzende neue Moscheen gebaut, darunter auch eine große im Taliban-Hauptquartier in Kandahar. Sie finanzierten auch den Wiederaufbau des Militärhospitals in Kandahar. In der Hauptstadt Kabul haben sie etwa 50 Bäckereien eröffnet, um die Armen mit Brot zu versorgen. All dies geschah innerhalb der letzten zwölf Monate.

Sollten die Taliban Bin Laden an die USA ausliefern, wäre all dies jäh beendet: die ausländischen Kämpfer würden der afghanischen Führung die militärische Gefolgschaft verweigern und ihr Geld abziehen. Die Taliban hätten sich im fundamentalistischen Lager isoliert und blieben auch in der internationalen Staatengemeinschaft ein Paria.

Was die Lage für die Taliban noch komplizierter macht ist der Umstand, dass viele einfache Bürger und auch Nationalisten in der Führung den wachsenden Einfluss der Araber auf ihr Land mit Missfallen betrachten. Sie verspüren wenig Bereitschaft, für einen Bin Laden bei einem Vergeltungsschlag der Amerikaner den Kopf hinzuhalten. "Die Leute haben die Nase von den 'Gästen' gestrichen voll", sagt ein Ladenbesitzer aus Kabul. "Unser gesamtes Leben ist schon in den Flammen des Kriegs aufgegangen, und jetzt kriegen wir noch mehr ab."

"Diese Araber stehen nicht auf unserer Seite"

Die Nationalisten innerhalb der Taliban, die die Guerillakämpfer aus dem Ausland am liebsten los würden, fühlen sich zunehmend frustriert. Sie fürchten sich jedoch, offen aufzubegehren. "Die islamischen Krieger sind mächtig, und wenn wir etwas sagen oder tun, landen wir im Gefängnis", sagt ein Taliban-Nationalist. "Diese Araber stehen nicht auf der Seite unserer Nation. Die verfolgen hier ihre eigenen Ziele. Ich habe Angst um unsere Zukunft."

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