Israel strebt Kontrolle der PLO-Gebiete an
Kommentar: Scharons Wille

Die Geschichte wiederholt sich. Vor zwanzig Jahren bedrängte der damalige Verteidigungsminister Ariel Scharon PLO-Chef Jassir Arafat in Beirut und zwang ihn schließlich ins Exil. Jetzt belagert Premier Scharon seinen Erzfeind Arafat in Ramallah. Er will ihn so lange zermürben, bis er "freiwillig" die Reise ins Asyl antritt.

Scharon will das Rad der Geschichte zurückdrehen und in den besetzten Gebieten, die Israel Arafat zur Selbstverwaltung übergab, bis auf weiteres selber regieren. Die Friedensverträge von Oslo, die vor neun Jahren zur Gründung der Palästinensischen Autonomiebehörde geführt haben, hat er von Anfang an als gefährlich betrachtet. Beendet werden soll die israelische Herrschaft erst, wenn sich unter den Palästinensern eine pragmatische, konziliante Führung etabliert hat, die bereit ist, gegen militante Aktivisten vorzugehen.

So zumindest sieht das israelische Traumszenario aus, das dem Terror ein Ende setzen soll. Scharon hat es der Regierung zwar noch nicht unterbreitet. Die Minister haben bislang bloß einem Teilplan zugestimmt. Doch wer Scharon kennt, weiß: Die erneute Wiederbesetzung der Westbank und des Gazastreifens ist für ihn eine beschlossene Sache. Am Ende wird dann wiederum eine israelische Militärverwaltung das Leben der Palästinenser organisieren.

Nach den blutigen Überfällen der vergangenen Tage, bei denen mehrere Dutzend Israelis ihr Leben verloren haben, will Scharon die Suche nach Terroristen selber übernehmen. Zu diesem Zweck will er rund 20 000 Reservisten mobilisieren. Jetzt durchkämmen Soldaten auf der Westbank die Städte nach Waffenlagern und nehmen Tausende von Palästinensern fest. Der Premier setzt auf militärische Stärke, um den Konflikt mit Arafat zu seinen Gunsten zu entscheiden. Israel befinde sich "im Krieg um unser Haus" und werde ohne Rücksicht auf jeden neuen Gewaltakt der Palästinenser reagieren, sagte Scharon im Fernsehen. Keine Nation würde die Opferzahlen hinnehmen, die Israel zu beklagen habe, sagte Scharon.

Gleichzeitig rief Arafat seine Bevölkerung zum Widerstand auf. Die Eskalation ist damit programmiert. Früher oder später werden sich internationale Vermittler einschalten, ist man in Israel überzeugt, die der Militäraktion ein Ende setzen wollen.

Grund zur Eile besteht für Scharon derzeit nicht. Externe Vermittler, die ihn zum Maßhalten auffordern, sind nicht in Sicht. US-Präsident Bush hat ihm von seinem Wochenendsitz aus offenbar grünes Licht für die Offensive gegeben. Er sei von Arafat enttäuscht, hat er wiederholt gesagt. Der Palästinenserführer hatte es in der vergangenen Woche nämlich gewagt, einem persönlichen Gesandten des US-Präsidenten, dem Nahostvermittler Zinni, eine Absage zu erteilen, als dieser von Arafat eine Zusage zu einem Waffenstillstand haben wollte. Darauf verweigerte Scharon dem Palästinenserführer die Ausreise nach Beirut, wo die Friedensinitiative des saudi-arabischen Kronprinzen diskutiert wurde.

Über kurz oder lang wird sich freilich eine politische Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts aufdrängen. Spätestens dann könnten sich die Demütigungen, denen Arafat jetzt ausgesetzt ist, als ein Bumerang erweisen. Seine Isolation verleiht ihm in den Staaten und der Bevölkerung der arabischen Welt einen neuen Kult-Status. Und sollte er entgegen den israelischen Plänen wieder der künftige Verhandlungspartner sein, wird er auf Grund seiner neuen Popularität die Forderungen noch höher schrauben können. Das würde eine politische Lösung zusätzlich erschweren. Auch von irgendeinem Exil aus bliebe Arafat ein Störfaktor für eine Verhandlungslösung - selbst wenn sich in den besetzten Gebieten, Scharons Wunschvorstellung entsprechend, konziliante Palästinenser als neue Führung etablieren könnten.

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