Israel und Antisemitismus
Kommentar: Frontdenken

Terror und Gegenterror gehören mittlerweile zum nahöstlichen Tagesgeschäft. Es ist beinahe müßig darüber zu spekulieren, ob eine oder beide Seiten "nur" austesten, wie weit sie damit gehen können. Klar ist, dass mit jeder Aktion die Spirale der Gewalt so verschärft wird, dass eine Rückkehr zur Vernunft und damit zu Gesprächen der Kriegsparteien nicht möglich erscheint. Und doch muss es beiden Parteien darum gehen, Wege zum Nebeneinander von Palästinensern und Israelis zu finden.

Das ist eine einfache Formel, die Israels Informationsminister Reuven Rivlin derzeit in Deutschland verkündet. Die Antwort darauf wird zwar seit über 50 Jahren gesucht, selbst Ansätze dazu sind allerdings derzeit nicht sichbar. Vielmehr scheinen die Positionen in Jerusalem und in Hebron so verhärtet zu sein, dass sie eher an die fünfziger Jahre erinnern.

Die israelische Regierung spürt Gegenwind gegen ihre Politik der Stärke, beklagt sich darüber, dass sie immer weniger Unterstützung für ihren Existenzkampf finde - in Europa und vor allem in Deutschland. Einen grundsätzlichen Sinneswandel in den vergangenen zwei oder drei Jahren macht Rivlin in Berlin aus. Doch erwartet Israel wirklich, dass die Europäer, Bevölkerung wie Regierungen, kritiklos Panzer- und Hubschraubervorstöße nach Dschennin oder Hebron akzeptieren, die eher an Massaker an der Zivilbevölkerung erinnern als an Terroristenfahndung? Der von Israel beklagte Antisemitismus überall in der Welt muss letztlich als Reflex auf die israelische Politik gesehen werden.

Wenn es überhaupt Antisemitismus ist. Nicht von ungefähr wird von Anti-Israelismus gesprochen, wenn die öffentliche Rezeption der nahöstlichen Entwicklung beurteilt wird. Antisemitismus mag latent vorhanden sein, in Deutschland genauso wie in Spanien oder Großbritannien, doch Kritik an Israel muss erlaubt sein, ohne gleich als Antisemit abgestempelt zu werden. Antisemitismus, im Sinne von Judenfeindlichkeit oder Antizionismus, ist fundamental etwas anderes als Kritik an der israelischen Politik.

Die israelische Regierung hat sichtbar Probleme, dies nachzuvollziehen. Ihr Hauptproblem ist ja auch nicht, sich nur noch Sorgen um ihr Image im Ausland zu machen, ihr Hauptproblem ist, das Existenzrecht des Landes als Zufluchtsort aller Juden durchzusetzen und zu sichern. Doch das Argument vom Kampf um das Existenzrecht ist vordergündig; kein relevanter Politiker - und Iraks Präsident Hussein ist in diesem Falle nicht relevant - bestreitet Israels Existenzrecht. Auch die PLO übrigens nicht, selbst wenn Israel dies so sehen will. Genauso wie Israel ein Existenzrecht hat, muss dies aber auch den Palästinensern zugestanden werden.

Dass die PLO Heimat für arabische Terroristen und Selbstmordattentäter ist, ist unstrittig. Dass Arafat persönlich für alle Aktionen dieser Selbstmörder verantwortlich sein soll, scheint allerdings eine Arbeitshypothese der Israelis zu sein - sie nutzen sie, den PLO-Chef zu diskreditieren. Aber auch Israel kann kein Interesse daran haben, die Autonomiebehörde als legitime Interessenvertetung der Palästinenser außer Kraft zu setzen. Selbst Israels Premier Scharon wird nicht umhin kommen, mit den Palästinensern zu reden, will er das Nebeneinander von Israelis und Palästinensern möglich machen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%