Israel verstärkt Offensive im Westjordanland
Peres gegen Isolierung Arafats

Der israelische Außenminister Schimon Peres ist gegen die Isolierung des palästinensischen Präsidenten Jassir Arafat. "Wir können Arafat weder entlassen noch ersetzen", sagte Peres in einem Zeitungsinterview.

wiwo/ap BERLIN/NABLUS/CRAWFORD. Peres äußerte auch die Hoffnung, dass sich Israel bald aus den palästinensischen Gebieten zurückziehen könne. Der israelische Botschafter in Deutschland, Schimon Stein, bezeichnete Arafat im ZDF als Feind. So lange er sich nicht vom Terrorismus distanziere, könne mit ihm nicht verhandelt werden.

Die "Welt am Sonntag" zitierte Peres mit den Worten: "Ich war von Anfang an gegen diese Isolierung." Er halte Arafat noch immer für einen Verhandlungspartner. Stein kritisierte den Palästinenserführer demgegenüber in der ZDF-Sendung mit den Worten: "Er legitimiert durch sein Schweigen den Terror." Der Botschafter fügte hinzu, Arafat sei zur Zeit isoliert und bleibe vorläufig in Ramallah.

Kaum Kontakt zur Außenwelt

Arafat wird seit einer Woche in seinem Hauptquartier in Ramallah von der israelischen Armee belagert und hat kaum Kontakt zur Außenwelt. Lediglich den US-Gesandten Anthony Zinni hatte Ministerpräsident Ariel Scharon am Freitag zu Arafat vorgelassen. Eine EU-Delegation hatte am Donnerstag unverrichteter Dinge wieder abreisen müssen.

Die israelische Armee wird sich laut Peres erst aus den Palästinensergebieten zurückziehen, wenn die "Infrastruktur des Terrors" zerstört ist. Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul kritisierte in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel": "Wer glaubt, mit militärischer Besetzung und Okkupation die terroristischen Aktionen eines Teils der Palästinenser beenden zu können, wird keinen Frieden schaffen."

Wiederaufnahme von Verhandlungen

Der französische Premierminister und Präsidentschaftskandidat Lionel Jospin ermutigte die Europäische Union dazu, weiterhin im Nahost-Konflikt eine eigene Position zu vertreten. Es gebe nur eine mögliche Lösung für das Drama im Nahen Osten, sagte er der "Bild am Sonntag". Dies sei die "Wiederaufnahme von Verhandlungen zwischen anerkannten Verhandlungspartnern, um einen Friedensplan zu erarbeiten".

Mehrere tausend Menschen demonstrierten am Samstag in der Bundesrepublik friedlich gegen die israelischen Angriffe auf die Palästinenser. In Berlin beteiligten sich nach Polizeiangaben rund tausend Menschen an einem abendlichen Schweigemarsch zum Gedenken an die palästinensischen Opfer. In Dortmund versammelten sich etwa 2 400 Menschen zu einem mehrstündigen Protestzug durch die Stadt. In Bonn demonstrierten rund 1 500 und in der Bremer Innenstadt 200 Menschen.

Pflüger fordert Prüfung einer Rechnung

Der Vorsitzende des Europa-Ausschusses des Bundestages, Friedbert Pflüger (CDU), forderte im Berliner "Tagesspiegel" unterdessen die Bundesregierung auf, die Echtheit eines Dokumentes prüfen zu lassen, demzufolge die palästinensische Autonomie-Behörde mit den Terroristen der Al-Aksa-Brigaden zusammengearbeitet habe. Bei dem Dokument, das im Hauptquartier des Palästinenserchefs in Ramallah gefunden wurde, soll es sich den Angaben zufolge um eine Art Rechnung der Terrororganisation an den Finanzchef von Jassir Arafat für die Lieferung von Bomben-Bauteilen handeln.

Ungeachtet neuer eindringlicher Appelle der USA und der EU zum Truppenrückzug hat Israel seine Offensive im Westjordanland ausgeweitet. Die Armee bezog Augenzeugen zufolge am Sonntagmorgen Stellung in der Umgebung weiterer palästinensischer Dörfer. Der Beschuss des Flüchtlingslagers in Dschenin dauerte den fünften Tag in Folge an. Auch ein gemeinsamer Aufruf des amerikanischen Präsidenten George W. Bush und des britischen Premierministers Tony Blair konnte das Blutvergießen in der Region nicht stoppen.

Gefechte in Nablus und Dschenin

In der Nähe der besetzten Stadt Ramallah umstellten nach Berichten von Bewohnern hunderte Soldaten mit Panzern die Ortschaften Beit Rima und Kubar. Auch die Gefechte in Nablus und Dschenin hielte am Wochenende weiter an. Israelische Soldaten erschossen dort insgesamt fünf Palästinenser, die nach Angaben der Armee Anschläge geplant hatten. Auf das Flüchtlingslager Dschenin feuerten die Streitkräfte erneut Panzergranaten und Raketen aus Kampfhubschraubern ab. "In Dschenin sind wir kurz davor, die Kämpfe im Flüchtlingslager zu beenden", sagte Brigadegeneral Ron Kitrey. Nach Angaben der radikalen Hamas-Bewegung begannen militante Organisationen mit der Verteilung von Sprengstoffgürteln und Granaten an die eingeschlossenen Lagerbewohner.

Die Belagerung der Geburtskirche in Bethlehem dauerte weiter an. Soldaten durchsuchten Privathäuser in der Umgebung. Im Gazastreifen wurden bei einem Überfall militanter Palästinenser auf eine jüdische Siedlung am Samstag ein Soldat und die beiden Angreifer getötet, wie die Armee berichtete. Der Islamische Dschihad bekannte sich zu dem Angriff.

Scharon telefonierte mit Bush

Der israelische Ministerpräsident Ariel Scharon kündigte an, angesichts der bevorstehenden neuen amerikanischen Vermittlungsmission seine Militäroffensive zu beschleunigen. In einem Telefonat mit Bush sagte Scharon am Samstag, Israel sei sich des amerikanischen Wunsches nach einem raschen Ende der Operation bewusst. Von einem Rückzug war keine Rede. US-Außenminister Colin Powell sollte am (heutigen) Sonntag in den Nahen Osten aufbrechen. Bush hatte Israel am Samstag nach einer Unterredung mit Blair erneut aufgerufen, sich aus den besetzten palästinensischen Städten zurückzuziehen. Seine Enttäuschung über das Vorgehen Arafats hatte Bush bereits am Freitag deutlich gemacht. Die amerikanischen Vermittlungsbemühungen könnten auch ohne Arafat erfolgreich sein, sagte er.

Vor Bushs Appell an Scharon hatten die Außenminister der Arabischen Liga die USA am Samstag aufgefordert, ihren Druck auf Israel zu erhöhen. In einer Erklärung zum Abschluss eines Sondertreffens in Kairo warfen sie der US-Regierung zugleich eine einseitige Parteinahme für Israel vor.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%