Archiv
Israelis fordern: Arafat muss weg

Selbst besonnene Kommentatoren werden nach den blutigen Anschlägen in Israel wütend. Die Tage des Palästinenserpräsidenten scheinen gezählt.

dpa JERUSALEM/RAMALLAH. Nach dem blutigen Terrorwochenende in Israel ist Jassir Arafat für die meisten Israelis bereits ein - zumindest politisch - toter Mann. Selbst ansonsten besonnene Kommentatoren ließen sich nach den Selbstmordanschlägen in Jerusalem und Haifa am Montag zu wütenden Kommentaren hinreißen, die in der Forderung mündeten: "Arafat muss weg!" - Selbst Ministerpräsident Ariel Scharon nahm kein Blatt mehr vor den Mund: "Die Person, die für alles, was hier geschieht, verantwortlich ist, heißt Arafat", betonte der rechte Premier am Montagabend in einer Durchhalte-Rede an die Israelis.

Für die Mehrheit der Israelis und zahlreiche Minister im Kabinett Scharon ist der Sturz Arafats, die Zerstörung der palästinensischen Autonomiebehörde und selbst die Wiederbesetzung der autonomen Gebiete die einzig mögliche Antwort auf die jüngste Terror-Welle, mit der palästinensische Extremisten mit Duldung ihres Präsidenten Israel überschwemmt haben.

Obwohl israelische Beobachter nach der Fernsehrede Scharons nicht erwarten, dass dieser trotz aller Rhetorik zu solchen brachialen Mitteln greifen wird, sind sie sich doch in einer Einschätzung einig: Jassir Arafat, der 1994 für seine politische Weitsicht und Kompromissbereitschaft den Friedensnobelpreis erhielt, steht nach 15 Monaten der blutigen Intifada vor dem politischen Nichts. Der PLO- Führer, der angesichts der oft überzogenen israelischen Armeeaktionen gegen palästinensische Zivilisten lange die Sympathien der Welt genoss, droht durch die ausufernde Gewalt zum internationalen Paria zu werden.

Der 72-Jährige, der im Laufe seines Lebens immer wieder mit dem Rücken zur Wand stand, hat es zugelassen, dass Israel und seine aufständischen Landsleute das zerstückelte Palästinenserland in einen politischen und wirtschaftlichen Trümmerhaufen verwandelt haben. Arafat, der Ende Dezember vergangenen Jahres trotz Erfüllung "fast aller" Forderungen die Vermittlungsvorschläge von US-Präsident Bill Clinton ablehnte, kämpft jetzt ums nackte politische Überleben.

Eine friedliche Einigung mit Israel, die Gründung des unabhängigen Staates Palästina im Westjordanland und im Gazastreifen mit Ost- Jerusalem als Hauptstadt sind in weite Ferne gerückt. Stattdessen musste Arafat am Montag hilflos zusehen, wie israelische Kampfhubschrauber seine Reisehubschrauber in Gaza zerschossen. Eine beabsichtigte Demütigung, der vermutlich weitere folgen werden.

Der PLO-Chef, der stets den "Frieden der Mutigen" propagierte, der nach Ausbruch der Intifada letztlich aber kaum etwas tat, um ihn zu sichern, hat sich angesichts der für ihn bedrohlichen Entwicklung zu schnellem Handeln entschlossen. Er will die schlimmsten Folgen für sich und die Autonomiebehörde verhindern.

Mit der Verkündung des Ausnahmezustands und der Verhaftung von mehr als 100 palästinensischen Extremisten versucht er in letzter Minute, die Initiative wieder zu gewinnen. "Diesmal ist es Arafat ernst", meinte ein Berater des chronisch kranken Präsidenten, der durch seine Duldung des Terrors inzwischen auch den Zorn der US- Regierung auf sich gezogen hat.

"Dies ist die Stunde der Wahrheit, Mr. Arafat", warnte ihn am Sonntag US-Außenminister Colin Powell. Washington hofft, dass massiver internationaler Druck den Palästinenserführer letztlich doch noch zum Handeln zwingt. Doch Israels Ministerpräsident Scharon, der Arafat auch am Montag wieder als Terror-Politiker brandmarkte, ist skeptisch. "Dies ist doch nur eines von Arafats Märchen", meinte einer seiner engsten Berater zur angekündigten Verhaftungswelle.

Angesichts dieser gefährlichen Lage und der allgemeinen Arafat- Hatz in Israel warnten Außenminister und Friedensnobelpreisträger Schimon Peres und Verteidigungsminister Benjamin Ben-Elieser von der Arbeitspartei am Montag ausdrücklich vor der Versuchung, den obersten Palästinenser zu vertreiben. "Wir müssen eine Mischung aus harten Armeeoperationen mit massivem amerikanischen Druck auf Arafat anwenden", empfahl Ben-Elieser.

Auch der politische Kommentator Ofer Schelach warnte vor den unabsehbaren Folgen überzogener israelischer Reaktionen: "Die einzige Alternative für Israel wäre es, das Westjordanland und den Gazastreifen wieder zu besetzen und eine Million verzweifelter Menschen, darunter hunderte potenzieller Selbstmordattentäter, mit Gewalt zu regieren. Der Preis für diese Alternative wäre noch höher als das gegenwärtige Blutvergießen."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%