Israelische Unternehmen am Neuen Markt sind auch durch die Kriegsgefahr unter Druck geraten
Nahostkrise wirkt bis Frankfurt

In der israelischen Wüste ist ein zweites Silicon Valley entstanden. Einige der jungen Unternehmen haben sogar den Sprung an den deutschen Neuen Markt geschafft. Nun drückt auch die Nahostkrise deren Kurse. Analysten warnen vor Hysterie, denn noch seien die Firmen nicht direkt betroffen.

DÜSSELDORF. Die jungen israelischen High-Tech-Unternehmen konnten von den Kriegen der vergangenen Jahrzehnte unfreiwillig profitieren. Die ständigen Kämpfe haben die Forschungen auf dem Gebiet der Rüstungselektronik vorangetrieben. Das Land hat weltweit die höchste Dichte an Ingenieuren und Wissenschaftlern. Inzwischen wird die Kriegstechnik für zivile Zwecke eingesetzt. So verwendet beispielsweise das am Neuen Markt notierte Unternehmen Advanced Vision Technology (AVT) die Lasererkennungstechnik von Tomahawk-Raketen für die Qualitätskontrolle von Druckmaschinen.

Doch nun belastet ein möglicher Krieg gegen die Palästinenser die jungen israelischen High-Tech-Unternehmen: Die Kurse haben seit Anfang Oktober stark nachgegeben. "Es gibt einen Abschlag für politische Risiken. Die Investoren sind deutlich zurückhaltender geworden", sagt Jürgen Wagner von Sal. Oppenheim. Bisher sind die Firmen allerdings nicht direkt betroffen, sie haben ihren Sitz meist außerhalb des Krisenherdes in Jerusalem, in Gründerzentren nahe Tel Aviv. "Doch es ist schwer, das den Investoren klar zu machen", sagt Wagner.

Auch Kenneth Pryce, Analyst bei Commerzbank Securities, betont: "Es gibt keine Auswirkungen auf das Geschäft, solange nicht eine Bombe direkt auf das Unternehmen fällt." Die israelische Regierung garantiere, dass die Wissenschaftler ungehindert ihrer Arbeit nachgehen könnten, ergänzt Alexander Shalash von Lehman Brothers.

Neben der Krise auch fundamentale Probleme

Insgesamt sieben der acht israelischen Unternehmen am Neuen Markt notieren inzwischen unter ihrem Emissionskurs. Analysten machen aber nicht nur die Nahostkrise für den Kursverfall verantwortlich. "Es gibt fundamentale Gründe", sagt Jürgen Wagner. Er hat in der vergangenen Woche das Unternehmen AVT (WKN 931 340) von "Kaufen" auf "Akkumulieren" heruntergestuft. AVT entwickelt automatische optische Inspektionsgeräte für die Druckindustrie. "Das ist eine ausgewählte Nische, die nur von wenigen angegangen wird", sagt Wagner. Doch nach der Fachmesse DRUPA in diesem Jahr hatte er mit mehr Aufträgen gerechnet. Auf die DRUPA zurückzuführen waren auch die hohen Aufwendungen für Forschung und Entwicklung in Höhe von 1,4 Mill. US-$ im ersten Halbjahr 2000. Trotzdem verbuchte das Unternehmen einen Gewinn von 289 000 $.

Von der Gewinnzone ist der israelische Smart-Card-Hersteller On Track Innovations (OTI) noch weit entfernt: In den ersten neun Monaten des laufenden Geschäftsjahres verdreifachte OTI (WKN 924 895) seinen Verlust auf 4,2 Mill. US-$. Das Unternehmen machte dafür vor allem höhere Foschungs- und Entwicklungsausgaben sowie gestiegene Marketingkosten verantwortlich. Die Analysten des Konsortialführers M. M. Warburg halten dennoch an ihrer Kaufempfehlung fest.

Der einzige israelische Wert am Neuen Markt, der noch über dem Emissionspreis notiert, ist Orad Hi Systems-Tec (WKN 928 634). Das Unternehmen ist nach eigenen Angaben Marktführer für virtuelle Studiotechnik und bietet Graphiksoftware für Sportübertragungen und Internetanwendungen an. "Die Aussichten für Orad sind weiterhin gut", sagt Kenneth Pryce von Commerzbank Securities, der den Wert als "Kauf" eingestuft hat. Für den Kursverlust in den vergangenen Wochen macht er nicht nur die Nahostkrise verantwortlich, sondern die allgemein schlechte Stimmung bei Technologiewerten. Auch Alexander Shalash von Lehman Brothers hält die Auswirkungen der Nahostkrise auf Orad für gering: "Das Unternehmen ist weltweit tätig. In Israel werden weniger als 5 % des Umsatzes gemacht."

Neuer Markt als wichtige Adresse

Die hohe Internationalität ist auch der Grund, warum die israelischen Unternehmen an den Neuen Markt streben. "Wenn man Kunden in Europa hat, ist der Neue Markt der beste Schritt vorwärts", sagt Kenneth Pryce. Doch die allgemein schlechte Kursentwicklung zeigt auch, dass es die Unternehmen nicht ganz einfach haben: "Es gibt eine sprachliche Hürde. Die ganze Investor-Relation-Arbeit ist aus der Distanz aufwändiger", meint Michael Bahlmann von M. M. Warburg. Hinzu komme jetzt die schlechte Stimmung durch die Nahostkrise: "In der Summe ist das Risiko heute größer in israelischen Firmen zu investieren als vor einem Jahr. Denn heute ist es wieder vorstellbar, dass es Krieg gibt."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%