Israels Kleinkrieg mit der Hamas
Friedenshoffnungen in Nahost zerstört

Nach dem neuen blutigen Selbstmordanschlag der Hamas-Bewegung in Jerusalem hat Israel der radikal-islamischen Gruppe jetzt einen unerbittlichen Krieg erklärt. Selbst der an den Rollstuhl gefesselte 67-jährige Hamas-Gründer Ahmed Jassin sei nun ein legitimes Ziel, hieß es am Donnerstag aus israelischen Regierungskreisen.

HB/dpa JERUSALEM. "In seiner Tragweite wäre dies genau so schlimm, als ob Israel (Palästinenserpräsident Jassir) Arafat liquidieren würde", meinte ein palästinensischer Journalist zu einem möglichen Angriff auf Jassin. "Man muss bedenken, dies ist ein kranker, behinderter, alter Mann. Das einzige, was sich an seinem Körper noch bewegt, ist seine Zunge." Die Folgen einer solchen israelischen Aktion seien nicht auszudenken. "Es wäre die Hölle, Dutzende von neuen Selbstmordanschlägen, Massendemonstrationen, endloser Raketenbeschuss israelischer Städte."

Der nicht enden wollende tödliche Schlagabtausch zwischen Hamas und Israel überschattet die Friedensbemühungen in Nahost schon seit einem Jahrzehnt. Auch die Verwirklichung des jüngsten internationalen Friedensplans droht an dem Streit zwischen der israelischen und der palästinensischen Regierung darüber zu zerbrechen, wie die Gewaltakte von Hamas zu stoppen sind.

Der palästinensische Ministerpräsident Mahmud Abbas setzt auf die Möglichkeit einer friedlichen Einigung mit Hamas auf eine zumindest zeitlich begrenzte Waffenruhe und eine Einbindung der Gruppe als rein politische Bewegung. Israel hält dies hingegen für illusorisch. Als Beweis für seine mangelnde Kompromissbereitschaft verweist Israel auf die jüngsten Äußerungen des Hamas-Führers Abdel Asis Rantisi. Er hatte nach dem gescheiterten Raketenangriff auf ihn am Dienstag geschworen, Hamas werde so lange weiter kämpfen, "bis der letzte Zionist alle Teile Palästinas verlässt". Solche Worte heizen die tief verwurzelten Existenzängste vieler Israelis an.

Israel besteht daher daher darauf, dass die palästinensischen Polizeikräfte mit aller Härte gegen die Extremistengruppe vorgehen und sie zerschlagen. Abbas fürchtet jedoch in diesem Fall - nicht zuletzt angesichts des großen Rückhalts von Hamas in der Bevölkerung - einen Bruderkrieg zwischen den Palästinensern, den er mit allen Mitteln zu verhindern sucht. Scharon nannte seinen neuen Amtskollegen am Donnerstag verächtlich ein politisches "Küken", weil dieser nicht hart gegen Hamas durchgreifen wolle. Die palästinensische Führung nannte er "Jammerlappen", die zu keiner echten Aktion bereit sind und nach neuen Anschlägen "nur rumheulen".

Israel betont, es werde die Liquidierungen so lange fortsetzen, bis die Palästinenser "selbst den Terror bekämpfen". Das einzige Ergebnis der israelischen Armeeaktionen war jedoch bislang nur noch schlimmeres Blutvergießen. Bei fast jeder gezielten Tötung eines Hamas-Aktivisten kommen Unschuldige ums Leben und der Hass auf Israel in den Palästinensergebieten wird weiter geschürt. Immer mehr junge Palästinenser sind bereit, ihr Leben bei Anschlägen als "Schahid" (Märtyrer) zu opfern. Viele Palästinenser glauben ohnehin, dass Scharon Hamas absichtlich mit seinen Militäraktionen provoziert, um den Friedensprozess zu torpedieren.

Nach Ansicht politischer Beobachter können nur die USA dieses Dilemma lösen. "Ich glaube, das Einzige, was wirklich effektiv wäre, ist harter wirtschaftlicher Druck der USA", meint ein israelischer Journalist. (US-Präsident Georg W.) "Bush müsste Scharon sagen, dass der Geldhahn zugedreht wird, wenn er die Liquidierungen nicht vollständig stoppt." Gleichzeitig müsse aber auch Abbas verstehen, dass der Friedensprozess keine Chance habe, solange die Anschläge in Israel andauern.

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