Israels neuer Aussenminister ist nicht unerfahren
Schlomo Ben-Ami könnte selbst Geschichte machen

Reuters JERUSALEM. Der amtierende israelische Außenminister Schlomo Ben-Ami ist auf diplomatischem Parkett nicht unerfahren. Der 57-jährige Politiker und Historiker, der in Marokko geboren wurde und 1955 nach Israel auswanderte, kann in seinem neuen Amt durchaus beweisen, dass er Geschichte nicht nur wie früher an der Uni Tel Aviv lehren, sondern auch machen kann. Die Berufung Ben-Amis zum Nachfolger des im Streit um Kompromisse gegenüber den Palästinensern zurückgetretenen David Levy signalisiert Beobachtern, dass Ministerpräsident Ehud Barak gewillt ist, den Friedensprozess fortzusetzen.

Noch am Tag seiner Berufung reiste Ben-Ami zu Gesprächen in die Türkei. Später will er in Spanien, Italien, im Vatikan und bei der Europäischen Union um Unterstützung für Israels Position werben, um der Reise-Offensive von Palästinenser-Präsident Jassir Arafat etwas entgegen zu setzen.

In die Friedensbemühungen mit den Palästinensern ist Ben-Ami seit über einem Jahrzehnt eingebunden. Von 1987 bis 1991 war er Botschafter Israels in Spanien und bereits bei der ersten Konferenz mit den arabischen Staaten 1991 in Madrid dabei. Auch bei den späteren Geheimgesprächen, die 1993 zum Abschluss des Grundlagenvertrages mit den Palästinensern führten, war Ben-Ami dabei. Zuletzt im Juli war der polyglotte und ausgeglichene Mann Israels Chefunterhändler beim Gipfeltreffen in Camp David. Dabei kam ihm zu Gute, dass er im Gegensatz zu Levy neben hebräisch auch englisch, französisch und spanisch spricht.

Ben-Ami, der acht Bücher zur Geschichte Israels, Spaniens und Italiens geschrieben hat, gilt in der Arbeiterpartei Baraks als das "soziale Gewissen". Der zuletzt für die öffentliche Sicherheit zuständige Minister wurde nach der Wahl Baraks im vergangenen Jahr bereits als Finanzminister gehandelt. Um Befürchtungen von Investoren vor höheren Zinsen zu zerstreuen, hatte er damals eine Verstärkung des Friedensprozesses empfohlen. Wenn es wirklich Frieden mit den Arabern gebe, werde auch die Wirtschaft profitieren, denn dann gebe es für die Geschäftsleute gute Aussichten auf eine profitable Zusammenarbeit, hatte Ben-Ami erklärt.



In der Arbeiterpartei ist Ben-Ami bekannt und beliebt. Für seine Bodenhaftung spricht, dass der 1996 zum ersten Mal ins Parlament gewählte Historiker im vergangenen Jahr die höchste Stimmenzahl bei der Aufstellung der Kandidaten erhielt.

Die Frage, die sich viele Israelis stellen, ist, wie lange er und Barak Zeit haben, den für den Frieden entscheidenden Kompromiss in der Jerusalem-Frage zu erreichen. Jerusalem ist für Israelis wie Palästinenser die Hauptstadt ihrer Staaten. Eine wie immer geartete Teilung der Stadt oder eine gemeinsame Verwaltung der Altstadt hat Israel bisher abgelehnt. Barak selbst hat nur noch einige Monate Zeit. Spätestens, wenn im Oktober die Sommerpause vorbei ist, wird das Parlament über Neuwahlen beraten.

Aber vielleicht schaffen es Barak und Ben-Ami noch, das ursprüngliche Ziel zu erreichen: Bis zum 13. September 2000 soll ein Rahmenvertrag mit den Palästinensern unterschriftsreif sein, so formulierten es vor einem Jahr Israelis und Palästinenser. Es bleiben einige Wochen Zeit für Ben-Ami, Geschichte zu schreiben.

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