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Issing: Wirtschaft erholt sich nächstes Jahr

Die Konjunktur in der Euro-Zone wird sich nach Worten von EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing im zweiten Halbjahr 2001 außerordentlich schwach entwickeln.

rtr LINZ. "Wir erwarten kein gutes drittes Quartal und es gibt keine Aussicht, dass das vierte Quartal besser zu erwarten ist", sagte Issing am Dienstag bei einem Vortrag an der Universität Linz. Wenn die Zeit dafür reif sei, werde die Europäische Zentralbank (EZB) schnell und kräftig handeln. Im Lauf des kommenden Jahres werde sich die Wirtschaft wieder erholen und die Inflationsrate in der Euro-Zone zugleich unter die EZB-Toleranzgrenze von zwei Prozent sinken. Vom schnelleren Wachstum der Geldmenge M3 gehe derzeit kein Preisdruck aus, bekräftigte Issing.

Die Anschlägen in den USA vom 11. September hätten Einschätzungen der künftigen Konjunktur erschwert. "Es bestehen erhebliche Unsicherheiten über die weitere wirtschaftliche Entwicklung, die Unsicherheit ist ungewöhnlich hoch", sagte Issing. Die EZB kenne noch nicht einmal die Daten zum Wachstum des Bruttoinlandsprodukts für das dritte Vierteljahr, doch sie erwarte keine gute Entwicklung und gehe nicht von einer Besserung im vierten Quartal aus. Zuversichtlich äußerte sich der EZB-Chefvolkswirt zu den Aussichten für das kommende Jahr: "Wir haben Grund zur Hoffnung, dass der Aufschwung im Lauf des nächsten Jahres kommen wird."

Die EZB hatte anders als weithin erwartet in der vergangenen Woche die Leitzinsen in der Euro-Zone nicht gesenkt und damit die Finanzmärkte enttäuscht. Volkswirte halten angesichts der anhaltenden Konjunkturabschwächung und sinkender Inflationsraten weitere Zinssenkungen für erforderlich und rechnen noch mit mindestens 25 Basispunkten bis Jahresende. Die EZB hat in diesem Jahr in drei Schritten den Schlüsselzins um einen Prozentpunkt auf 3,75 % reduziert, zuletzt am 17. September um einen halben Prozentpunkt.

Auf Fragen nach der Vorhersehbarkeit der EZB-Entscheidungen für die Finanzmärkte sagte Issing: "Unsere Poltik ist nicht darauf gerichtet, die Märkte zu überraschen." Es werde aber auch niemals möglich sein, vor den Beratungen der Währungshüter deren Entscheidung schon zu kennen.

Die EZB hält Issing zufolge unbeirrt an ihrem vorrangigen Ziel fest, ein stabiles Preisniveau zu sichern. "Für alle Ratschläge, Zurufe, den Vorrang der Preisstabilität zu vernachlässigen, haben wir taube Ohren", sagte Issing seinem Redetext zufolge. Mitte Oktober hatten sich die Finanzminister Frankreichs und Luxemburgs für weitere Zinssenkungen der EZB ausgesprochen, die zuletzt wenige Tage nach den Anschlägen in Abstimmung mit der US-Notenbank die Zinsen um 50 Basispunkte reduziert hatte. Der luxemburgische Regierungs-Chef und Finanzminister Jean-Claude Juncker hatte gesagt, mit dieser Entscheidung habe die EZB erstmals auf ihre "geldpolitische Orthodoxie" verzichtet. Mit der andauernden Abschwächung der Konjunktur war in den vergangenen Monaten häufig kritisiert worden, die EZB konzentriere sich zu sehr auf Inflationsgefahren und schenke der Wachstumsschwäche zu wenig Beachtung.

Vom Anstieg der Geldmenge M3 in den vergangenen Monaten geht Issing zufolge derzeit kein Inflationsdruck aus. "Hinter dem gegenwärtigen Wachstum stehen Portfolioumschichtungen und eine höhere Liquiditätshaltung der Anleger", wiederholte er die Erklärung für die M3-Entwicklung. Im Dreimonatsdurchschnitt Juli bis September hatte sich der M3-Zuwachs mit 6,9 weiter vom EZB-Referenzwert von 4,5 % entfernt, was normalerweise für einen Inflationsanstieg in der Zukunft sprechen würde. Die Inflationsrate in der Euro-Zone lag im September noch bei 2,5 % und hat sich im Oktober in vielen Ländern des Währungsgebietes weiter der Toleranzgrenze der EZB für stabile Preise von zwei Prozent angenähert.

Die Europäische Kommission will in dieser Woche Pläne zu einer rascheren Veröffentlichung von Konjunkturdaten der Euro-Zone bekannt geben. Demnach ist vorgesehen, dass eine Schätzung für die Inflationsrate im Oktober am 5. November, also wenige Tage vor der nächsten EZB-Ratssitzung am 8. November veröffentlicht wird. Bisher wurde die Teuerungsrate immer erst zur Mitte des Folgemonats auf Basis endgültiger Länderdaten gemeldet.

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