Ist der Euro Teuro?
Die gefühlte Inflation erhitzt die Gemüter

Die Wogen schlagen höher: Nicht nur Konsumenten klagen über höhere Preise im Zuge der Euro-Einführung auch Bundeskanzler Gerhard Schröder sowie sein Finanzminister Hans Eichel üben Kritik. Doch die Fakten sprechen eine andere Sprache: Im April ist die Teuerung in Deutschland auf ein Zwei-Jahres-Tief gefallen.

cn/pbs/sk DÜSSELDORF/MADRID/PARIS. Die Deutschen sind sauer und auch die Volksvertreter im Bundestag machen Front. Stein des Anstoßes ist der "Teuro". Finanzminister Hans Eichel (SPD) hat die deutschen Verbraucher aufgefordert, Geschäfte zu boykottieren, die die Euro-Einführung zu Preiserhöhungen genutzt haben.

"Alles ist teurer geworden", stöhnen auch Franzosen und Spanier. Allerdings hat sich der Unmut dort schon wieder etwas gelegt und andere Themen bewegen die Volksseele. In Spanien steht derzeit das Thema "Kriminalität" ganz oben auf der Tagesordnung, die Franzosen verarbeiten noch den "Le-Pen-Schock".

Ohnehin klafft hier zu Lande eine Lücke zwischen der von Statistikämtern gemessenen Inflation und der "gefühlten" Teuerung der Verbraucher. In Deutschland beispielsweise ist die Jahresinflationsrate im April mit 1,6 % auf ein Zwei-Jahres-Tief gefallen; gegenüber März stiegen die Preise durchschnittlich nur um 0,1 %.

Anders sieht die Lage in Spanien aus. Dort zog die Jahresteuerung im April auf 3,6 % von 3,1 % an. Das entspricht einem Plus von 1,4 % im Monatsvergleich. Auch in Frankreich stiegen die Preise gegenüber März - um 0,4 %. Damit liegt die Jahresinflation im April bei 2,0 % nach 2,1 % im März. Als "Preistreiber" machen Volkswirte in allen Ländern vor allem den Anstieg der Energiepreise aus. Der Euro-Effekt sei nicht entscheidend, meint Anne Beaudu von der Pariser Genossenschaftsbank Crédit Agricole. "Die höhere Inflation in diesem Jahr geht vor allem auf die höheren Ölpreise zurück." Lediglich Preisanstiege im Dienstleistungsbereich können teilweise auf den Euro-Effekt zurück gehen.

Ökonomen, Statistiker, Verbraucher und Politiker stehen aber vor dem gleichen Problem: Der Euro-Effekt ist schwer zu messen. Einen Beitrag von 0,16 % zum Anstieg der deutschen Teuerung hatte das Statistische Bundesamt im Februar errechnet. In Frankreich hatten die Statistiker den Effekt auf 0,1 % geschätzt. Ökonomen in Paris gehen jetzt aber davon aus, dass der Effekt mittlerweile drei Mal so groß ist. "Es gibt gute politische Gründe dafür, dass die Statistikbehörde Insee keine weiteren Angaben zum Euro-Effekt mehr macht", vermutet ein Analyst.

Auch in Spanien haben Volkswirte kaum einen Zweifel daran, dass die Euro-Einführung zu Preiserhöhungen geführt hat. Allerdings fällt ein Vergleich schwer, weil der Warenkorb, der der Preisstatistik zu Grunde liegt, sowie die Berechnungsmethoden im Januar geändert wurden. Das hat dazu geführt, dass die spanische Inflation im Januar sogar gesunken sein soll - was selbst optimistischste Marktbeobachtern für sehr unwahrscheinlich halten. Bei den April-Zahlen spiele die Einführung des Euros aber keine Rolle mehr, sagte Juan José Toribio, Direktor der IESE Business-School in Madrid. Der Euro-Effekt sei bereites in den Vormonaten vollkommen absorbiert worden. Für ausschlaggebend hält er vielmehr das Ende der Schlussverkaufszeit und den Einfluss der Ostertage.

Wie kommt nun der Unterschied zwischen gefühlter und statistisch gemessener Inflation zu Stande? "Die persönlich gefühlte Inflation ist höher, weil die Konsumenten bestimmte Güter, wie beispielsweise Mieten, die relativ konstant geblieben sind, ausblenden", meint Ralph Solveen von der Commerzbank. Auch die Preise für Telekommunikation seien relativ stabil, meint Jürgen Chlumsky, Leiter Preisstatistik beim Statistischen Bundesamt. Dagegen fällt sofort auf, wenn der Frisör mehr Geld verlangt oder Capucchino, Wein und Zigaretten mehr kosten. Die deutschen Inflationszahlen von April weisen die Preistreiber aus: Gaststätten und Hotels haben die Preise auf Jahresfrist um 3,2 % erhöht; für Tabakwaren und alkoholische Getränke musste 3,5 % mehr gezahlt werden. Mit 0,9 % haben sich dagegen Wohnung, Wasser, Strom und Gas nur mäßig verteuert.

Zweifel an der Methodik der Preismessung hat Solveen nicht: Der Warenkorb, der den Berechnungen des Statistischen Bundesamtes zu Grunde liegt, wird alle fünf Jahre justiert. 2003 werde der neue Warenkorb veröffentlicht, sagt Chlumsky. "Die Enttäuschung dürfte groß werden", sagt er augenzwinkernd. Denn die Veränderung der Gewichtung der insgesamt 750 Komponenten werde "nicht groß" sein.

Die deutschen Politiker ruft offenbar auch die Sorge um den erwarteten Aufschwung auf den Plan. Die vereinzelten Preistreibereien seien kein Grund für generellen Konsumverzicht, sagte Eichel. In den ersten drei Monaten dieses Jahres haben die Verbraucher aber offenbar genau das getan - wie die rückläufigen Umsätze des deutschen Einzelhandels zeigen. Immerhin trägt der private Verbrauch zu knapp 60 % der Wirtschaftsleistung bei.

Angesichts der Zurückhaltung der Verbraucher verweist Eichel nun auf das Beispiel Frankreich. Dort habe sich der Handel disziplinierter verhalten. Das will der Handelsausschuss des Deutschen Industrie- und Handelskammertages nicht auf sich sitzen lassen und zitiert eine Untersuchung der Universität Erlangen-Nürnberg derzufolge durch die Euroeinführung nur 9 % der Preise erhöht, aber 20 % gesenkt worden seien.

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