Ist die Talsohle erreicht
Plötzlich sind europäische Tech-Aktien wieder gefragt

Sie galten längst als abgeschrieben. Doch Techwerte steigen wieder, ebenso Versicherungs- und Telekommunikationspapiere.

>NEW YORK. Nennen wir es die Rückkehr der Totgeglaubten: Europäische Tech-Aktien steigen plötzlich wieder, und selbst Versicherungs- und Telekom-Titel liegen im Aufwärtstrend. Ericsson - vor Monaten noch schmachvoll als Junk Bonds abgestraft - ist sind seit dem 9. Oktober um 139 % nach oben geschossen. Hat der Markt nach zweieinhalb dürren Jahren die Talsohle erreicht oder haben die Wahnsinnigen die Anstalt übernommen?

Eine wachsende Zahl von Investmentmanagern ist der Überzeugung, der Markt habe sich gedreht. Aber sie halten sich bedeckt, wenn es darum geht, wie viel Kraft in der Erholung steckt. Die Chancen für eine Bodenbildung stünden sehr gut, sagt Chris Johns, Chefstratege bei ABN Amro. Er sei aber skeptisch, ob die Kurserholung auch im kommenden Jahr anhält. Wie stark diese ausfalle, hänge von den Erwartungen der Anleger ab, wie sehr die Unternehmen ihre Ergebnisse steigern könnten. Für 2003 erwartet Johns einen Gewinnzuwachs bei europäischen und amerikanischen Firmen um etwa 10 %. Allerdings empfinden viele Anleger das Kursniveau immer noch als zu hoch, so dass die Aufschläge an den Aktienmärkten hinter der Gewinnsteigerungen zurückbleiben könnten.

Um den Umfang einer möglichen Erholung vom Bärenmarkt zu eruieren, haben die ABN-Experten die Bewegungen des S&P-500- Index in jedem der 27 Zyklen der US-Wirtschaft seit 1870 untersucht. Es zeigte sich, dass der Aktienmarkt im Schnitt vier Monate, bevor die Wirtschaft die Talsohle erreicht, zu einem Sprung nach oben ansetzt. Zwölf Monate nach der Bodenbildung lag der Markt in der Regel über den Tiefstständen des Zyklus. Das durchschnittliche Index-Plus lag zwei Jahre nach Erreichen der Talsohle bei etwa 30 %, wobei sich die Hälfte des Zuwachses in den ersten sieben Monaten einstellte. "Verpasst der Anleger den Wendepunkt des Markts, dann verpasst er den Großteil der Gewinne", schließt ein ABN-Stratege.

Auch die Anlage-Profis von Morgan Stanley & Co. sind der Meinung, das Kursniveau von Anfang Oktober werde den Boden innerhalb einer fünfjährigen Handelsspanne bilden, die in etwa von 750 bis 1 100 Punkten im MSCI Europe-Index reichen wird. Derzeit liegt der Index bei 880 Punkten. Danach hätten europäische Aktien das Potenzial, entweder um 25 % zu steigen oder 15 % zu verlieren.

Woher kommt der plötzliche Optimismus? Die Besorgnis über einen Kreditengpass ließe nach, die Kreditvergabe springe an. Und bei den Unternehmen seien Gewinnsteigerungen zu erkennen, führt Richard Davidson, Chefstratege für europäische Aktien bei Morgan Stanley, aus. Pensionsfonds würden wieder in Aktien investieren und es werde verstärkt an Fusionen gedacht.

Außerdem verdichte sich die Erwartung auf eine baldige Zinssenkung durch die Europäische Zentralbank. Und wie packt man den Markt jetzt am besten an? Setzt ein Investor auf eine breite Verbesserung europäischer Aktien, dann schlägt Deborah Fuhr, Analystin von Morgan Stanley, den Kauf von börsengehandelten Index-Fonds (ETF) vor. Dabei handelt es sich um offene Fonds, die einen Index wie etwa den Dax nachbilden und die, wie jedes notierte Papier, gekauft und verkauft werden können.

Ist ein Anleger ehrgeiziger und will besser als die Indizes abschneiden, dann empfiehlt Davidson Finanztitel. "Das Risiko, das bei diesen Titel schon im Kurs enthalten ist, ist im Vergleich zu anderen Sektoren exzessiv", sagt der Chefstratege. Der Markt gehe für die nächsten zehn Jahre von einem Gewinnwachstum pro Jahr von lediglich 2 % für Banken und von einer Stagnation bei Versicherern aus. Für den Kauf von Aktien zum gegenwärtigen Zeitpunkt spricht sich auch Gary Dugan, Stratege für europäische Aktien bei J.P. aus und begründet seinen Rat mit der jüngsten Zinssenkung der US-Notenbank und den besser als erwartet ausgefallenen US-Konjunkturdaten. Zudem seien in der letzten Woche acht Übernahmeangebote über mehr als eine Mrd. Dollar bekannt geworden. Das zeige, dass die großen Spieler zurück seien.

Weniger optimistisch ist Chris Woods, Chief Investment Officer von State Street Global Advisors. Zwar könne es Monate dauern, bis der Markt wieder auf seine Tiefststände zurückfalle, aber großes Potenzial für eine dauerhafte Aufwärtsbewegung sei nicht vorhanden. US-Aktien seien immer noch zu hoch bewertet. Und wenn Wall Street falle, ziehe das auch die europäischen Märkte nach unten. Die Langfristprognosen der Analysten seien deshalb zu optimistisch.

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