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Ist doch alles nur geklaut

Kluge Gründer wissen: Gut geklaut ist besser als schlecht erfunden. Die "copy cats" durchstreifen das Internet. Ihr Motto: Don´t innovate, imitate!

Auf den mittlerweile zahllos stattfindenden Veranstaltungen zum Thema Internet ist immer wieder die gleiche Kritik vernehmbar: Es gibt keine guten Ideen mehr. Auf der Suche nach der ultimativen "Killer Application" oder der wirklich revolutionären Geschäftsidee verzweifeln Tüftler und Entwickler ebenso wie Geldgeber und angesehene Web-Institutionen.

Aber warum eigentlich? Es geht doch auch anders. Haben Sie noch den Popsong der Gruppe "Die Prinzen" im Ohr? "Ist doch alles nur geklaut, ist doch alles gar nicht meines"? Das Prinzip funktioniert bestens. Im Internet so gut wie in jedem anderen Wirtschaftsbereich. Teilweise sogar besser: markieren, kopieren, einfügen, Businessplan fertig.

Eigene Ideen, das wissen Gründer spätestens nach der zweiten Gesprächsrunde mit dem Business Angel, können sogar hinderlich sein. Vor allem, wenn man zu kreativ ist. "Bloß keine neuen Ideen, keine brillianten Innovationen, bitte nicht zu viel Kreativität", so winken aus Schaden klug gewordene Geldgeber immer früher ab, "Lasst doch bitte andere Vorreiter auf die Nase fallen, wir haben unser Lehrgeld schon bezahlt."

Wer nicht abgewimmelt werden will, schaut am besten mal nach, was die Gründer-Konkurrenz gerade so treibt. Wenn die gerade den ultimativen Geniestreich ausbrütet, den Innovationsknüller schlechthin an den Start bringt, dann heißt es erstmal Ruhe bewahren und abwarten. Denn gut geklaut ist besser als schlecht erfunden. Das weiss der Kaufmann an der Ecke schon genauso lange wie die ausgefuchsten Marketing-Gurus aus dem Incubator, das ist auch im Web nichts Neues. Lasst die naiven Avantgardisten ihre Anfangsprobleme ruhig erst mal alle selber lösen. Wer immer noch glaubt, dass die Schnellen angeblich die Langsamen fressen, kennt nur einen Teil der Wahrheit. Aus den Fehlern der Schnellen kann man doch erst so richtig schön lernen.

Die Flut von Cybershops, Auktionshäusern, Reiseagenturen und Consultants, die rein zufällig alle die gleichen Waren und Dienstleistungen anbieten, beweisen in erster Linie: Sogar halbgare Ideen werden in kürzester Zeit kopiert bzw. aus den USA importiert. Das Prinzip "Klau´ Dich Reich" funktioniert also nur, es hat für Gründer und Geldgeber sogar greifbare Vorteile: Selbst die innovationsärmsten "copy cats" können die Konkurrenz - z.B. in Form von siechenden Start-Ups - beobachten und anschließend neue Etiketten auf alte Konzepte kleben. Und was macht der Geldgeber? Er freut sich. Langfinger haben bei Investoren die besseren Karten. Denn sie müssen nicht umständlich erklären, was alles neu und einzigartig ist, sie verweisen simpel auf die schon an das Portal drängenden Umsätze.

Das klingt überzogen und unglaubwürdig? Das Internet - berüchtigt für seine Verschwörungstheorien - hält auch dazu eine Theorie bereit: Wer heute von uns verlangt, wir sollten das Internet ständig neu erfinden, der will uns morgen schon beklauen. Die falschen Propheten der Innovation wissen es, die Zukunft des Web gehört den geistig Schwachen. Schon längst haben sie (bei Hugo Boss) einen Werbeslogan geklaut und leicht modifiziert: "Don´t innovate, imitate!"

Und Widerstand scheint zwecklos zu sein, obwohl er doch geplant war. Einer der farblosesten Tage der Internet-Geschichte sollte eigentlich der 1. Oktober werden. Privatpersonen und Firmen aus aller Welt sollten, so der Plan von greyday.org, mit der Aktion "Greyday" gegen Urheberrechtsverletzungen im Computernetz protestieren und ihre Homepages gegen triste graue Seiten austauschen. Nur durch Aufklärung und Verständnis könne bewirkt werden, so erklärten die Organisatoren, dass das Web mit ursprünglichem, kreativem Inhalt gefüllt bleibe und das stumpfe Grau nicht harte Realität werde. Daraus wurde natürlich nichts. Oder erinnern Sie sich vielleicht an eine einzige graue Seite? Die Idee war von solch hilfloser Naivität durchdrungen, dass sie noch nicht einmal geklaut wurde!

Die Idee zu dieser Kolumne ist, na was schon, konsequenterweise auch nur "geborgt". Sie entstammt dem World Wide Web, wurde allerdings nicht auf www.ideenklau.de gefunden. Diese Domain ist längst vergeben. Das ist zwar zunächst doppelt frustrierend. Erstens, weil ein offenbar völlig skrupelloser Betreiber dem Ideenklau selbst zu einem Webauftritt verhelfen will. Und zweitens, weil er - und 2242 andere Schnellkopierer - schon früher auf diesen Gedanken gekommen sind. Doch aus deren Fehlern lässt sich bestimmt auch noch was lernen.



Frank G. Heide
Frank G. Heide
Handelsblatt / Redakteur Auto + Motor
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