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Ist George W. Bush eine Bedrohung für das Internet?

Europäische Politiker beklagen den großen Einfluß der Amerikaner auf die Internet-Verwaltungsorganisation Icann, die die wichtigen Nummern und Namen im Netz vergibt. Sie wollen mitreden, wenn es um die wichtigen Ressourcen im Netz geht. Aber lässt sich US-Präsident George W. Bush tatsächlich reinreden?

Das Szenario klingt erschreckend: Eines Tages, befürchten Politiker und Internet-Experten in Europa, könnte eine böswillige US-Regierung ihre Macht über das Internet missbrauchen und den Europäern im Internet buchstäblich den Saft abdrehen. Zum Beispiel weil sich die befreundete Nation jenseits des Großes Teiches einen Handelskrieg mit der EU liefert. Oder einfach weil irgendwann "die Freunde in Übersee nicht mehr unsere Freunde sein könnten", wie es vor kurzem Andy Müller-Maguhn, bekannter Hacker und Sprecher des Chaos Computer Clubs, ausdrückte.

Hintergrund dieser Befürchtungen: Die USA haben mit der Internet-Verwaltungsorganisation Icann die Verfügungsgewalt über eine zentrale Ressource des Netzes. Icann, die Internet Corporation for Assigned Names and Numbers, verwaltet die Internet-Protokolle und ist für die Namensvergabe zuständig. Anders ausgedrückt: Icann muss dafür sorgen, dass der Verkehr im Netz ordentlich funktioniert. Man könnte auch sagen: Jedes Bit, dass über den Datenhighway rauscht, findet nur deshalb sein Ziel, weil Icann für die richtige Beschilderung sorgt und verhindert, dass es unüberwindbare Barrieren auf den Straßen gibt. Unter anderem hat Icann die Macht über die wichtigen Root-Server, die dafür sorgen, dass sich Computer weltweit miteinander verständigen können. Mit einer ordentlichen Portion Böswilligkeit könnte eine US-Regierung tatsächlich Teile des Netzes lahmlegen - zum Beispiel um missliebige Machthaber abzustrafen.

Derlei viel Macht wollen europäische Politiker den Amerikanern nicht zubilligen. Und seit im Weißen Haus George W. Bush zu Hause ist, hat die Diskussion noch an Brisanz gewonnen. Sein Vorgänger Clinton hatte schließlich noch dafür gesorgt, dass mit Icann eine Nichtregierungsorganisation Nummer, Namen und Protokolle verwalten sollte. Offiziell ist Icann aber immer noch dem amerikanischen Handelsministerium Rechenschaft schuldig. Erst im Herbst sollte das System der Internet-Adress-Namen unwiederbringlich an Icann übergehen. Die bange Frage lautet: Wird Bush, bekannt für seine Maxime "America first", das womöglich zu verhindern suchen?

Noch hat sich die Bush-Administration zu Icann nicht geäußert. Offenbar, so die Vermutung von Icann-Kennern, hat die neue US-Regierung dieses Thema noch nicht für sich entdeckt. Und wird es hoffentlich auch nicht entdecken, meinen manche europäischen Experten, weil sie von Bush nichts Gutes erwarten. Unterdessen werden die Stimmen in Europa immer lauter, die von den USA eine Teilung der Macht über das Netz verlangen. So forderte unlängst Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin bei einer Veranstaltung der Bertelsmann Stiftung zum Thema "Internet Governance", dass der zentrale Root Server A nicht weiter der Verfügungsgewalt der USA unterstellt sein sollte.

Die Forderungen der Europäer sind sicherlich berechtigt, wenn auch das eine oder andere Horror-Szenario (bewusst) überzeichnet wird. "Ich spüre nicht ständig den heißen Atem des US-Handelsministerium", meint dazu Icann-Direktoriumsmitglied Hans Kraaijenbrink. Zudem verwundert es nicht, dass Icann stark amerikanisch geprägt ist, schließlich ist die Organisation nun mal im Mutterland des Internet entstanden. Über die starke Stellung der Amerikaner zu jammern nutzt freilich wenig. Eine erfrischende Einstellung dazu hat der SPD-Abgeordnete Jörg Tauss. Die Europäer sollten nicht klagen, sondern lieber selbst in die Infrastruktur des Netzes investieren. Zum Beispiel in ein eigenes Root System. "Solange wir Europäer keine neuen Standards setzen, wird sich am Einfluß der USA nichts ändern."

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