IT-Branche
Analyse: Kein Grund zur Euphorie

Welch eine Überraschung. Nur einen Tag nach den sehr verhaltenen Äußerungen des Chipherstellers Intel glänzen IBM, Nokia und SAP mit guten Zahlen.

Welch eine Überraschung. Nur einen Tag nach den sehr verhaltenen Äußerungen des Chipherstellers Intel glänzen IBM, Nokia und SAP mit guten Zahlen. Groß ist die Euphorie der Anleger - vielleicht zu groß. Denn der Ausblick - sofern überhaupt möglich - bleibt für die IT-Unternehmen düster.

Niemand sollte sich von den am Donnerstag präsentierten Zahlen täuschen lassen. Sie bedürfen einer genauen Analyse. Zum einen fußt die Euphorie an den Börsen zu einem großen Teil darauf, dass viele Experten weitaus schlimmere Daten erwartet hatten. Zum anderen sind die, zugegeben, guten Ergebniszahlen Folge des rigiden Sparkurses, den die Hard- und Softwarekonzerne in den vergangenen Monaten gefahren haben. Das straffe Ausgabenmanagement zeigt allmählich Wirkung, dies belegt das Beispiel SAP ebenso wie IBM.

Drittens schließlich: Der Sparerfolg sollte nicht den Blick auf wichtige andere Kennzahlen der IT-Unternehmen verstellen. So hat Nokia zwar mit Handys überraschend gute Verkaufszahlen erzielt, in der wichtigen Sparte Netzausrüstung liefen die Geschäfte aber schlecht: Die Marge brach ein. Bei SAP wiederum ist der in der Softwarebranche wichtige Lizenzumsatz seit Jahresbeginn zweistellig gesunken.

Selbst der Riese Microsoft, der wegen seiner breiten Kundenbasis und der Monopolstellung bei PC-Software dem Abschwung bisher trotzte, könnte früher oder später vom schlechten Umfeld betroffen sein. Der Verkauf von Personal-Computern, der die Umsätze des Gates-Imperiums maßgeblich treibt, stockt massiver als erwartet. Der verhaltene Ausblick des Chip-Spezialisten Intel verheißt für die Zukunft kaum Besserung.

Längst streiten sich Experten darüber, ob die Nachfrageschwäche in der Informationstechnologie zyklischer oder struktureller Natur ist. Die Anhänger der Zyklus-These hoffen auf einen baldigen Aufschwung, der die Branchenumsätze steigen lässt. Die Skeptiker aber fürchten, dass die über Jahre als Innovations-Industrie gefeierte Branche ihr Image allmählich verlieren wird. Sie sehen in der Informationstechnologie künftig ein ganz normales Investitionsgut mit ganz normalen Wachstumsraten.

Beide Thesen haben ihren Charme und Argumente auf ihrer Seite. So sind in der Tat zurzeit keine großen Themen in Sicht, die der Branche einen ähnlichen Schub geben könnten wie vor einigen Jahren das Internet. Anderseits gibt es trotz der riesigen Investitionswelle der letzten Jahre immer noch große Lücken in der Hard- und Softwarelandschaft vieler Unternehmen. Ungeachtet des Streits um eine zyklische oder strukturelle Nachfrageschwäche, ist eines jedoch klar: Die Nachfrage nach Informationstechnologie bleibt vorläufig schwach. Unternehmen brauchen auch künftig neue Server und Computerprogramme. Die Frage ist nur, wie viele und wie schnell?

So verständlich die Erleichterung der Investoren über die am Donnerstag präsentierten Quartalszahlen auch sein mag, so zweifelhaft erscheint ihre Reaktion auf dem Börsenparkett. Noch ist es zu früh, von einer dauerhaften Wende auf dem IT-Markt zu sprechen. Die Weigerung des SAP-Managements, einen Ausblick für nur zwei Monate zu geben, dürfte Warnung genug sein. Außerdem sind die Ergebniserwartungen vieler Analysten für 2003 immer noch zu hoch. Fazit: Weitere Enttäuschungen sind programmiert.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
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