IT-Branche
Kommentar: Abwarten ist zu wenig

DÜSSELDORF. Das Ende der Krise in der IT-Branche sollte schon öfter kommen. In der zweiten Jahreshälfte 2002, in der ersten Jahreshälfte 2003, auch 2004 wurde gehandelt. Den Ausblick, den viele Unternehmen der Branche in den letzten Wochen - und nun auch der deutsche Branchenverband Bitkom - gegeben haben, spricht eine andere Sprache. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, prägen Gewinnwarnungen, sinkende Umsatzprognosen, Arbeitsplatzabbau und ein drastischer Verfall der Aktienkurse die Entwicklung der Technologieunternehmen.

Für sich genommen, wäre das noch keine Katastrophe. Schließlich hat die IT- und Telekommunikationsbranche auch Jahre enormen Wachstums hinter sich, in denen allein im Hochlohnland Deutschland rund 150 000 neue Arbeitsplätze entstanden sind. Das sind etwa so viele, wie die Textil- und Bekleidungsindustrie in Deutschland zusammen anbieten. Mit knapp 800 000 Beschäftigten zählt die Informations- und Telekommunikationsindustrie auch nach zwei Jahren harter Branchenkrise noch immer etwa doppelt so viele Beschäftigte wie die chemische Industrie.

Dramatisch ist dagegen die Tatsache, dass der für den Strukturwandel westlicher Industrienationen wichtigen Lokomotive allmählich die Innovationskraft abhanden zu kommen scheint. Denn Alternativen im High-Tech-Bereich gibt es kaum. Die Biotechnologie spielt in Deutschland im Vergleich zur IT-Industrie noch eine vernachlässigbare Rolle.

Umso bedenklicher ist es, dass die IT-Branche inzwischen eine defensive Botschaft vermittelt: "Kosten sparen" ist das Ziel beim Einsatz von Informationstechnologie. Kaum jemand scheint mehr darüber nachzudenken, wie man durch den Einsatz neuer Technologien Geld verdienen kann.

Wie paralysiert starrt die Telekommunikationsbranche auf ihre eigenen Milliarden-Investitionen in den Aufbau von UMTS-Funknetzen. Die Schuld für die wahrscheinliche Bruchlandung soll die Regierung übernehmen, die Milliarden für die Lizenzen eingenommen hat. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit: Leicht unterschlägt die Industrie, dass schlicht keine ernst zu nehmenden UMTS-Produkte entwickelt wurden, für die sich in absehbarer Zeit ein rentabler Massenmarkt finden wird.

Noch gibt es zwar Unternehmen - etwa den Softwarehersteller Microsoft -, die eine Aufstockung der Budgets für Forschung und Entwicklung angekündigt haben. Doch für viele andere Unternehmen steht zu befürchten, dass die Sparprogramme auch bald die Budgets für Forschung und Entwicklung erreichen. Damit würde der Grundstein für die nächste Krise gelegt.

Im eigenen Interesse sollten Unternehmen, Verbände und Analysten endlich Schluss machen mit der Kaffeesatzleserei darüber, wann die Aufträge wieder sprudeln werden. Die Jahre vor dem Jahrhundertwechsel waren eine historisch vielleicht einmalige Ausnahme, die als Kapitel in die Lehrbücher der Wirtschaftsgeschichte Einzug finden wird. Als Modell für die weitere Entwicklung der Schlüsselbranche IT hat sie hingegen ausgedient . Mittelfristig wird die IT- und Telekommunikationsindustrie zu den Wachstumsraten der gesamten Volkswirtschaft zurückkehren. Mal drüber, mal drunter. Das erfordert Manager, die diese Herausforderung annehmen, statt weiterhin auf bessere Zeiten zu warten.

Quelle: Handelsblatt

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%