IT-Dienstleister heuern 400 Mitarbeiter pro Monat an
Kein Land profitiert mehr als Indien

Auf Bangalores Mahatma Gandhi Road zeigt Indien seine Schokoladenseite. Abends strömen gut angezogene junge Männer und Frauen aus blitzblanken Bürotürmen; sie zücken Handys, schlendern durch Einkaufszentren, an denen der Putz kaum trocken ist, lassen sich in einem der Freiluft-Cafés entlang der Flaniermeile nieder oder kehren in belebte Bars in den Nebenstraßen ein.

BANGALORE. Keine andere Stadt des Landes hat vom Offshoring so profitiert wie Bangalore. Der Boom der vergangenen Jahre hat das einstige Rentnerparadies nicht nur mit Geld gesegnet und verjüngt; er hat der Stadt auch einen Hauch von Metropole verliehen. Die Abendbummler dort sind weltgewandt und auch untereinander sprechen sie meist Englisch.

Für IT-Arbeiter in Bangalore, Hyderabad oder Bombay sieht die Zukunft derzeit rosiger aus als für ihre Kollegen in Walldorf, San José oder Singapur. Die Zeitungen strotzen vor Stellenanzeigen, die Löhne steigen, und viele Karrieren verlaufen steil. Die Software-Riesen SAP und Oracle wollen die Mitarbeiterzahl ihrer Indien-Töchter in absehbarer Zeit verdoppeln. IT-Dienstleister wie EDS, IBM und Accenture heuern Branchenkennern zufolge derzeit 300 bis 400 neue Leute pro Monat an. Auch indische IT-Dienstleister, die von Aufträgen westlicher Konzerne leben, stocken auf: Branchenprimus TCL hat im Vorjahr 4 700 neue Stellen geschaffen, Infosys 1 300 und Wipro 900.

Die IT-Berater beim Forschungsinstitut Gartner bezeichnen Offshoring als "Megatrend in der Dienstleistungsindustrie", der die Branche fundamental verändert. Einer von zehn Jobs in der amerikanischen Computer- und Softwareindustrie könnte, Gartner zufolge, bald in ein Billiglohnland abwandern. Allein bis zum nächsten Jahr sollen 500 000 Stellen verlagert werden. Von dem Trend profitieren China, Russland, Polen und die Philippinen, doch kein Land mehr als Indien. "Die meisten Konzerne verlagern Industrieproduktion nach China und Dienstleistungen nach Indien", stellte Oracle-Chef Larry Ellison Anfang Juli fest. Im gleichen Atemzug verkündete er, dass sein eigenes Unternehmen den Personalstand in Indien von 3 000 auf 6 000 hochfahren werde.

Längst geht der Outsourcing-Trend weit über Software hinaus. Kostendruck zwingt Finanzdienstleister, Buchhalter und Architekturbüros zum Offshoring. J.P. Morgan und Morgan Stanley heuern Analysten in Bombay an, die ihren teuren Kollegen in New York zuarbeiten. Moody?s hat das Backoffice seiner europäischen Fonds-Rating-Dienste ausgelagert. Und ein europäischer Energiekonzern lässt Ölbohrplattformen neuerdings in Delhi entwerfen.

In der Vergangenheit wurden vor allem Routineaufgaben wie die Umstellung von Software auf den Euro nach Indien vergeben. Doch die IT-Ausfuhren des Landes werden immer werthaltiger. Selbst die Neuentwicklung von Produkten werde bereits in vielen Fällen nach Indien ausgelagert. Dass IT-Multis ihre Indien-Präsenz massiv verstärken, setzt lokale IT-Offshoring-Anbieter unter Druck. "Diese werden von steigender Konkurrenz durch internationale Konzerne bedroht und vom internen Outsourcing ihrer Kunden" meint die Merrill-Lynch-Analystin Mitali Ghosh. Die für lange Zeit exzellenten Margen von Infosys, Wipro, Satyam und HCL schrumpfen. Dem Offshoring-Modell tut das aber keinen Abbruch: "In den kommenden zwei Jahren werden sich die Offshoring-Budgets von derzeit 1,7 % der weltweiten IT-Ausgaben auf 3 % verdoppeln", prophezeit Ghosh.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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