IT-Konzern trennt sich von immer mehr unrentablen Sparten im Hardwaregeschäft
Gewinneinbruch zwingt IBM zum Handeln

Die Ergebnisse sind in fast allen Bereichen des weit verzweigten Konzerns rückläufig. Will der neue IBM-Chef Palmisano den IT-Riesen auf Wachstumskurs halten, muss er handeln.

FRANKFURT/DÜSSELDORF. Seinen Einstand als IBM-Chef hatte sich Samuel Palmisano wohl anders vorgestellt. Seitdem er am 1. März das Ruder bei dem mit mehr als 80 Mrd. $ Umsatz größten IT-Konzern der Welt übernommen hat, häufen sich die schlechten Nachrichten aus dem Hause IBM Corp: Zuerst schockierte der Konzern aus Armonk/ New York die Märkte mit der ersten Gewinnwarnung seit mehr als zehn Jahren. Dann sorgten Voruntersuchungen der US-Börsenaufsicht SEC für Aufregung, die die Bilanzierungsmethoden unter die Lupe nahm. Und nun musste Finanzchef John Joyce bei der Vorstellung der jüngsten Quartalsergebnisse im Vergleich zum Vorjahr einen Gewinneinbruch von 31 % melden.

Was, so fragen sich die Anleger, ist los bei "Big Blue"? Seit Jahresanfang hat die Aktie fast ein Drittel an Wert verloren. Sie führt die Verliererliste im Dow-Jones-Index der dreißig wichtigsten Industriewerte der USA an.

Die Umsatz- und Gewinneinbrüche der ersten drei Monate des laufenden Geschäftsjahres in allen Sparten und Regionen begründet IBM mit dem "weiterhin schlechten wirtschaftlichen Umfeld". Dieses lasse die Nachfrage der Firmen nach Informationstechnologie schrumpfen. Am stärksten getroffen hat es das Hardware-Geschäft, wo IBM rund ein Drittel seiner Umsätze erwirtschaftet. In der schwer zu überblickenden Produktpalette aus Netzwerkrechnern, Datenspeichern, Druckern, Prozessoren, Chips und Personalcomputern hat der Konzern einen Rückgang um ein Viertel verkraften müssen.

In der Vergangenheit konnte IBM das immer ausgleichen - mit einem höheren Wachstum bei den Dienstleistungen. Der wegen der oft langfristigen Verträge sehr attraktive Bereich erwirtschaftet inzwischen 44 % des Umsatzes. Doch auch dieser bisher so zuverlässige Motor ist wider Erwarten ins Stocken geraten: Das Geschäft brummt derzeit höchstens beim Outsourcing: "In Europa holt dieser Bereich auf", erläutert Frank Kern, Europa-Chef der Bereiches Global Services. Angesichts der schwachen Konjunktur gingen auch hier die Firmen dazu über, ihre IT-Abteilungen nicht mehr selbst zu betreiben. Das Problem: Große Projekte werden weiter aufgeschoben, bis die Gewinne wieder spürbar steigen. Kern: "Die Kunden beschränken sich auf kleinere Projekte und solche, die sehr schnell Wirkung zeigen."

Ganz mies läuft im Moment das Beratungsgeschäft - hier fällt den Kunden das Sparen am leichtesten. Insgesamt ist das Servicegeschäft im ersten Quartal weiter zurückgegangen, diesmal um 3 % nach gut 1 % im vierten Quartal 2001.

Mit den notwendigen Aufräumarbeiten im Hardwarebereich hat Palmisano bereits begonnen: Die PC-Produktion hat IBM kürzlich an den Fertigungshersteller Sanmina ausgelagert. Festplatten wird künftig ein Joint Venture mit dem japanischen Konzern Hitachi herstellen. Auch die Auslagerung der Notebook-Produktion halten Branchenkenner für immer wahrscheinlicher - auch wenn der im deutschsprachigen Raum für diesen Bereich zuständige Manager Michael Cerny sagt, der Notebookmarkt sei für IBM ein Wachstumsmarkt und wichtig für die Gewinnung "mittelständischer Kunden". Im Mittelstand sieht IBM nämlich noch "großes Potenzial" - und das will "Big Blue" jetzt mit Macht heben.

Zum inzwischen renditestärksten Konzernbereich hat sich die Softwaregroup entwickelt. Dabei setzt IBM im Gegensatz zu SAP oder Siebel nicht auf Anwendungsprogramme, sondern auf so genannte Middleware-Software, die den Betrieb von Rechenzentren regelt, auf Datenbanksoftware und auf Software, die verschiedene Anwendungen miteinander verbindet. Für Middleware sehen die Marktprognosen allerdings gar nicht rosig aus: Die Marktforscher von IDC haben für diesen Bereich bis 2006 einen Rückgang vorhergesagt. Die Gründe: Der Markt, dessen Volumen für 2001 IDC mit 1,77 Mrd. $ angibt, sei ausgereift, und die Middleware werde immer mehr in umfassende E-Business-Plattformen integriert.

Und eben vom Geschäft mit dem E-Business will IBM einen möglichst großen Teil. Mehr noch: Für Europa-Manager Kern ist klar, dass Computer-Power eines Tages wie der Strom aus der Steckdose fließt und wie dieser nach genutzten Einheiten bezahlt wird. Da will IBM der führende Anbieter werden. "Wir wollen die ersten sein, die diese Idee umsetzen", sagt Kern. Um das den Kunden zu vermitteln, hatte der Konzern in Europa zur IT-Messe Cebit eine millionenschwere Anzeigenkampagne gestartet. Ob IBM nicht zu voreilig war, kann nur die Zukunft zeigen. Denn bis diese Vision Wirklichkeit ist, werden nach Ansicht von Branchenkennern wohl noch etliche Jahre vergehen.

Über eines sind sich die Marktbeobachter einig: An der vom Ex-IBM-Chef Lou Gerstner eingeleiteten Fokussierung auf Dienstleistungen und Software dürfte sich auch unter Palmisano nichts ändern. Auf konkrete strategische Aussagen des neuen IBM-Chefs warten die Anleger noch.

Von Thomas Nonnast, Susanne Wesch, Handelsblatt

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