Italien fordert von Michael Schumacher Wiedergutmachung
Vom Druck, siegen zu müssen

Die Formel 1 hat eine neue Erfolgs-Formel entdeckt, die bislang eher in Frauenzeitschriften auf der Pole-Position stand: Anti-Aging. Platz eins vom Finnen Kimi Räikkönen (23) und Rang drei des Spaniers Fernando Alonso (21) beim Großen Preis von Malaysia waren der sichtbare Ausdruck einer Verjüngungskur.

STUTTGART. Da der neue "Nordstern" in Diensten von McLaren-Mercedes bei seinem Sieg-Debüt glatte 83 Tage jünger war als dereinst Michael Schumacher, gab es gleich die ersten ketzerischen Fragen: nicht bloß die, ob das Weltmeisterteam Ferrari in eine Krise rast, sondern auch die, ob der Rekordmann der Branche nicht langsam zu alt wird. Immerhin ist der Mann schon 34... Vom Jugendwahn lässt sich der Weltmeister jedoch nicht anstecken: "Ich habe nie verheimlicht, dass ich die beiden Jungs für potenzielle Champions halte. Klar, das ist eine Herausforderung - aber ich mag Herausforderungen."

In Sao Paulo fährt die Formel 1 gegen den Uhrzeigersinn - was aber bedeutet das für Schumacher und Ferrari nach dem antizyklischen Saisonstart? Raus aus den Negativ-Schlagzeilen, oder richtig tief rein? Egal wie, mit seiner neuen Rolle als Jäger hat der Titelverteidiger vor dem ersten Prime- Time-Rennen des Jahres am Sonntag (19 Uhr) mehr für die Quote getan als mit einem neuerlichen Sieg. Wo zuletzt die Frage nur lautete "Gewinnt Schumacher wieder?", muss es revidiert heißen: "Wann gewinnt Schumi wieder?"

Räikkönens jüngster Triumph hat nicht nur einen neuen Silberstreif am Formel-1-Horizont erscheinen lassen, vor allem hat der Finne mit Übernahme der WM-Tabellenführung seinem Vorgesetzten Norbert Haug das letzte Wochenende gerettet. Im Vorjahr musste nach einem doppelten Ausfall in Malaysia der schon geplante Ski-Kurzurlaub abgesagt werden. Nun konnte Haug beruhigt abfahren.

Überstunden machte dagegen Ferrari, allerdings vor allem mit dem weiterentwickelten Modell, dass - im Gegensatz zum Vorjahr - aber noch nicht in Sao Paulo einsatzbereit ist. Erst bei der an Ostern beginnenden Europa-Saison werden Ferrari und McLaren-Mercedes ihre Gebrauchtwagen in die Garage verbannen.

Norbert Haug, in dessen Haus die Strukturreform des ganzen Teams begonnen hat (seit Herbst kümmert sich ein Spezialist aus der S-Klassen-Fertigung um die Rennmotorenfiliale Ilmor, seit Anfang dieser Woche zählt der ehemalige BMW-Motorenmann Werner Laurenz offiziell zur Mercedes-Equipe), widmet sich dem Understatement. "In dieser Saison kann es beim nächsten Rennen schon wieder ganz anders aussehen", sagt der Mercedes-Sportchef. Die Rolle als nicht mehr so geheimer Favorit wird sein Team nach den Siegen von Coulthard und Räikkönen auf die Schnelle nicht wieder los. Schumacher sieht sich nur bestätigt: "Ferrari hat im Winter immer wieder auf die Stärke der Silberpfeile hingewiesen, offenbar lagen wir da nicht so falsch."

Auf Statistiken hat Kerpens Schnellster noch nie viel gegeben, aber außergewöhnliche Umstände - in Form der Auftakt-Platzierungen vier und sechs - erfordern außergewöhnliche Maßnahmen. Elf Mal ist Michael Schumacher bereits beim Großen Preis von Brasilien gestartet, immer kam er ins Ziel, zehn Mal dabei aufs Podest. Wenigstens die Zahlen halten in Treue fest zum Weltmeister. Seit Sommer 2000 war der Rekordmann nicht mehr zweimal in Folge abstinent von der Champagner-Zeremonie geblieben, selten hat er so früh eine so hohe Fehlerquote (Randstein-Rempler in Melbourne, Startunfall in Sepang).

"Es wird hart in Interlagos, keine Frage," teilt Schumacher mit, "aber wir können gewinnen. Ob des dann so kommen wird, muss sich zeigen..." Einfach so tun, als ob noch gar nicht viel passiert ist, das hätte der Schuminator wohl gern. Allerorten wird nun Morgenluft geschnuppert, weil es gut ist fürs Geschäft. Dramatik und Dramaturgie lesen sich in der italienischen Zeitung "Corriere dello Sport" fast biblisch: "Nach den vielen Erfolgen, die die Eifersucht der Rivalen geweckt haben, beginnt nun die Zeit der göttlichen Strafe." Der "Corriere de la Sera" bezichtigt den Fahrer des offenen Verrats an Ferrari und fordert plötzlich plakativ die - angeblich doch so ungeliebten - teutonischen Tugenden ein: "Wo ist der kühne Sieger geblieben, der hartnäckige Deutsche, der nie Fehler macht?" Schumachers Hang zum Perfektionismus wird hier zum Fluch.

Ferrari-Erfolgsarchitekt Jean Todt versucht zu beschwichtigen: "Wir konnten nicht erwarten, dass wir die unglaubliche Saison 2002 wiederholen können." Krisen, gemachte oder tatsächliche, fordern stets zum Mitspekulieren auf. Schon unkt die so lange zum Schweigen verurteilte Anti- Schumi-Fraktion darüber, dass die Vertragsverlängerung über 2004 hinaus in Gefahr gerät. Die Mutmaßer lassen sich nicht davon stören, dass Schumacher noch gar nicht erklärt hat, ob er überhaupt weiter fahren will.

Schumacher selbst reagiert analytisch wie immer auf den Fakt, erstmals seit 1992 nicht in einem der ersten beiden Rennen Podiumsgast gewesen zu sein: "Man darf aus Rennen, die nicht perfekt laufen, nicht die falschen Schlüsse ziehen. Schon gar nicht befinden wir uns in einer Krise."

Der entscheidende Ansatz ist zwar der, dass Michael Schumacher seine Fehler im Rennen nicht unter Druck gemacht hat. Doch der beginnt sich aufzubauen, von außen. Der Druck, siegen zu müssen.

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