Italienischer Stromversorger will in Tschechien einsteigen: Enel will auf deutschen Strommarkt

Italienischer Stromversorger will in Tschechien einsteigen
Enel will auf deutschen Strommarkt

Italiens führender Stromkonzern Enel SpA hat seine Teilnahme an der Privatisierung des dominanten tschechischen Stromkonzerns Cez AS bekräftigt.

PRAG. Enel-Hauptgeschäftsführer Franco Tatò sagte in einem Gespräch mit dem Handelsblatt und der tschechischen Tageszeitung Hospodarske Noviny, nach einer Übernahme von Cez könne Tschechien "zur Basis unserer Operationen in der Region werden, auch um auf den deutschen Markt vorzustoßen."

Tatò zufolge geht es dem Konzern weniger um regionale Expansion als um Umsatz-Wachstum: "Wir haben keinen Eroberungsstrategie. Uns geht es darum, selektiv zu wachsen." Dabei werde sich die in Rom ansässige Enel nur Ziele suchen, die den Gewinnverhältnissen der Römer nicht schadeten. Tatò: "Wir wollen Cez als eine Gesellschaft mit starker Kompetenz, die mit uns wachsen kann." Enel habe ein "mehrfaches Interesse" an dem Engagement in Tschechien. So verfüge der Konzern über Nuklear-Kompetenz. Zwar sei Italien aus der Atomenergie ausgestiegen, doch glaube Enel, dass die Atomenergie wegen der weltweiten Entwicklungen erneut interessant werde. Zweitens betreibe Cez Kohlekraftwerke mit einer starken Bergbau-Basis. Dies mache Cez für den Brennstoffhandel der Enel interessant.

Zuguterletzt liege Tschechien in der Mitte Europas, sagt Tatò auch mit Blick auf den deutschen Markt. Derzeit sei es schwierig, in so geschützten Märkten wie Deutschland zu operieren. "Aber wir denken, dass wir über Tschechien Zugang zum deutschen Markt erhalten." Dadurch werde auch der Wettbewerb in der Region bereichert, der bisher von deutschen und französischen Firmen dominiert werde, fügte Tatò hinzu.

Die tschechische Regierung will ihre bisherige 69-prozentige Mehrheit an Cez nunmehr vollständig privatisieren, beschloss das Kabinett gestern. Teil des Verkaufs sind auch staatliche Beteiligungen an regionalen Stromversorgern. Angebote können bis zum 3. Dezember abgegeben werden. Als Favorit galt noch im Sommer der französische Stromkonzern EDF. Seitdem hat sich dies Regierungsquellen zufolge geändert: "EDF hat Cez keinesfalls sicher", sagte ein hoher Beamter in Prag.

Tatò will sich noch nicht zu Eckpunkten des verbindlichen Enel-Angebots äußern, das zurzeit vorbereitet werde. Um den Franzosen entgegenzutreten, will Enel gemeinsam mit dem spanischen Stromkonzern Iberdrola bieten. Damit wollen die Italiener einen Schwachpunkt der Bewerbung beseitigen: Die Spanier bringen Nuklear-Know-how mit, der Enel seit dem Atomausstieg fehle, so Tatò.

Für Prag ist diese Atom-Kompetenz unabdingbar, weil auch Tschechien langfristig an der Kernkraft festhalten will und laut Industrieminister Miroslav Gregr vom neuen Cez-Investor "eine Schirmherrschaft" für die umstrittenen Atomkraftwerke Temelin und Dukovany erwartet. Die Kritik Österreichs und Deutschlands, das AKW Temelin weise Sicherheitsmängel auf, wiegelt Tatò ab: "Wir halten Temelin für sicher. Bei uns wird es damit keine Probleme geben."

Auch die deutsche Eon hat auf die Atomfrage reagiert und daher eine Allianz mit der britischen International Power und der amerikanischen NRG erwogen. Eon tritt bei der Cez-Privatisierung zurzeit nur als Berater des britisch-amerikanischen Konsortiums auf, soll dafür aber später Vorkaufsrechte bei regionalen Versorgern erhalten, heißt es aus Kreisen der NRG. Eon hat sich bereits an mehreren regionalen Stromunternehmen beteiligt.

Wie Enel nach einem Sieg im Poker um Cez mit Eon und anderen Großaktionären regionaler Versorger umgehen wird, ließ Tatò offen: "Wir sind als kooperatives Unternehmen bekannt"".

ZUR PERSON: Franco Tatò ist seit 1996 Hauptgeschäftsführer der Enel SpA. Zuvor hatte er in den Jahren von 1984 und 1986 sowie in der Zeit zwischen 1991 und 1996 das italienische Medienhaus Arnoldo Mondadori Editore SpA geführt. Das Unternehmen gehört zur Fininvest Group des italienischen Regierungschefs Silvio Berlusconi. Dass Tatò von 1993 bis 1995 direkt als Fininvest-Chef operierte, veranlasste italienische Zeitungen dazu, ihn als Mann Berlusconis zu bezeichnen. Sogar als Ablösung des EU-Kommissars für Wettbewerb, des Italieners Mario Monti, haben italienische Medien Tatò einstmals ins Gespräch gebracht. Doch der Verweis auf Berlusconi greift zu kurz. Tatòs Karriere hat tiefere Wurzeln, die sogar bis nach Deutschland reichen. Von 1982 bis 1984 war er Vorstandsmitglied bei Mannesman Kienzle. Seine Affinität zu Deutschland trug ihm den Spitznamen "Kaiser Franz" ein. Tatò besitzt einen Doktortitel der Philosophie, den er an der Universität Pavia erworben hat.

22.11.2001

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%