Italiens Mafia-Probleme
Auge in Auge mit der Camorra

Täglich, manchmal stündlich kommen neue Mordmeldungen aus Neapel: Seit Jahresbeginn ist die traurige Bilanz der Mordopfer auf 75 gestiegen. Italiens Premier Prodi aber redet die Mafia-Probleme klein.

MAILAND. Nur knapp ist Luigi Leonardi am Donnerstagmorgen um Fünf auf der Piazza del Gesù mitten im Zentrum von Neapel dem Tod entgangen. Nach mehreren Messerstichen vor der Kirche kämpft der 34-jährige Vorbestrafte im Krankenhaus Loreto Mare um sein Leben. Nur sieben Stunden vor dem Besuch des Ministerpräsidenten Romano Prodi in der Hauptstadt der Region Kampanien geht der Bandenkrieg weiter.

"Wir haben keinen extremen Notstand", versucht Prodi nach dem Treffen mit der Präfektur und Kirchenvertretern in Neapel die Gemüter zu beschwichtigen. Notstandssituationen wie diese kämen in dieser Region immer wieder vor. Vor allem wies er den Vorwurf zurück, die Amnestie vom Frühsommer, mit der Tausende Häftlinge entlassen wurden, um die überfüllten Gefängnisse zu entlasten, sei für die Lage in Neapel verantwortlich.

Nach dem Aufflammen der Gewalt in der Stadt muss Prodi an einer weiteren Front kämpfen. Neben dem Haushaltsentwurf, gegen den Opposition, Gewerkschaften und Rentner mobil machen, hat sich nun ein neuer Kriegsschauplatz eröffnet. Die verschiedenen Clans der neapolitanischen Mafia Camorra bekämpfen sich gegenseitig. Dabei geht es um die Kontrolle von Drogen, aber auch um lukrative Geschäfte wie Müllbeseitigung, mit der die Kriminellen Millionen machen.

Täglich, manchmal stündlich kommen neue Mordmeldungen: Seit Jahresbeginn ist die traurige Bilanz der Mordopfer auf 75 gestiegen. "Ein Toter schreit nach weiteren Toten. Die Vendetta endet nie", beschreibt der Staatsanwalt Franco Roberti die Lage. Doch selbst für Neapel sind 75 Tote eine Ausnahmesituation.

Insgesamt 1 300 Polizisten will die Regierung nun in die süditalienische Stadt entsenden. Von dem Plan, auch Soldaten durch die Straßen patrouillieren zu lassen, hat Prodi dagegen Abstand genommen. Es wäre nach 1994 und 1997 das dritte Mal gewesen, dass Rom Militär nach Neapel schickt. "Mit dem Militär kann man die Situation nicht kontrollieren", sagte Prodi, "wir brauchen eine Reorganisation der Zivilgesellschaft."

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