Italiens Premier sichert per Dekret den Start der Profiligen nach der Sommerpause
Berlusconi rettet den Fußball

Hat man es den Starkickern Del Piero, Totti und Vieri beim gestrigen Länderspiel in Stuttgart angesehen, in welch erbärmlichem Zustand sich Italiens Fußball befindet? Den braun gebrannten Gesichtern der Millionäre nach zu urteilen, erfreut sich der "Calcio italiano" bester Gesundheit.

MAILAND. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus: Weil ein Skandal um gefälschte Club-Bilanzen den pünktlichen Saisonstart der Profiligen am 30. August gefährdet, hat die Regierung von Silvio Berlusconi nun ein Dekret verabschiedet, das dieser Gefahr vorbeugt. Die Sache ist dem Premier ein Herzensanliegen. Sogar seinen Urlaub hat er unterbrochen, um an der gestrigen Kabinettssitzung zu dem Thema teilnehmen zu können. "Jetzt", diktierte er den Journalisten in die Notizblöcke, "muss ich auch noch den Fußball retten."

Der Inhalt des Regierungserlasses klingt weniger heroisch, besitzt aber explosive Elemente. Demnach werden diverse Gerichtsentscheide, die im Zuge des Skandals gesprochen wurden, annulliert. Als einzige für den Fußball zuständige Instanz firmiert nun der Verwaltungsgerichtshof in Rom. Durch die vorangegangenen Urteile wären bestimmte Mannschaften, wie der frühere Maradonna-Club SSC Neapel, zwangsweise abgestiegen oder gar ganz aus den drei Profiligen verbannt worden.

Weil aber die Eigentümer der Vereine in der Regel mächtige Männer sind - Berlusconi zum Beispiel ist im Nebenberuf noch Präsident des Champions-League-Siegers AC Mailand - kann und darf dies nicht sein. Und da Fußball in Italien ungefähr dieselbe Rolle spielt wie "Brot und Spiele" im alten Rom, besitzt das Thema höchste Brisanz. So fürchtet Neapels Präfekt bereits öffentliche Unruhen im Falle eines Abstieges der einheimischen "Squadra". Die Spieler des gefährdeten Abruzzen-Vereins L?Aquila sind aus Protest sogar in den Hungerstreik getreten.

Wie hat Berlusconi kürzlich zu seinen Koalitionspartnern gesagt? "Wenn der Sommer vorüber ist und die Meisterschaft nicht startet, wäre das nicht nur für unser Image eine Katastrophe." Also ist aus kriminellen Handlungen - genauer: aus der Fälschung von Bankbürgschaften, die für die Zulassung zur Meisterschaft notwendig sind - eine politische Affäre geworden. Angeblich hat das Kabinett sogar darüber diskutiert, wie viele Mannschaften künftig in der ersten und der zweiten Liga spielen sollten (20, 21 oder gar 24?), um alle Beteiligten zufrieden zu stellen.

Dass derlei Diskussionen fatal an eine bestimmte Phase der italienischen Geschichte erinnern, erkennt der Vizepräsident des Senats, Roberto Calderoli von der Lega Nord: "Mit diesem Dekret kehren wir zurück zu Mussolinis Zeiten, als die Meisterschaft immer von Rom gewonnen werden musste." Auch die Opposition sieht die Unabhängigkeit des Sports in Gefahr und kritisiert, die echten Probleme des Fußballs würden nur übertüncht.

In der Tat ist der Kern des Themas die katastrophale wirtschaftliche Situation der Vereine. In der letzten Saison haben sie einen Nettoverlust von knapp 300 Millionen Euro geschrieben. Unter allen Proficlubs hat einzig Juventus Turin noch einen Gewinn erzielt. Die Fusion der beiden Pay-TV- Sender Telepiu und Stream durch Rupert Murdoch zum Sky-Channel haben den meisten Vereinen jegliche Perspektive auf lukrative Übertragungsrechte geraubt.

Experten wie der Mailänder Unternehmensberater Marco Vitale glauben, dass der italienische Fußball ein Geschäft ist, das von Dilettanten gemanagt wird. Ein Dekret, das den Status Quo zementiere und den Wirtschaftsbetrieb Fußball nicht professionalisiere, helfe nicht weiter. Im Gegenteil.

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