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Itzehoer Aktienclub: Im Windschatten der Anlageprofis

Der größte deutsche Investmentclub stammt aus Itzehoe. Er kauft Titel, die große Fonds halten. Dafür kassiert er hohe Gebühren.

Wer in Itzehoe tanken wollte, den verwickelte Harald Wilkens gleich in ein Gespräch über Aktien. Der rührige Tankstellenbesitzer, der es leid war, auf Empfehlung der Banken hin deren hauseigene Fonds zu kaufen, warb gleich 30 seiner Kunden für den geplanten Investmentclub an. So begann die Geschichte des Itzehoer Aktien Club GbR (IAC), der im März 1998 gegründet wurde. Heute sind die Schleswig-Holsteiner mit fast 4 300 Mitgliedern und einem Depotvolumen von rund 81 Millionen DM der größte Investmentclub Deutschlands.

"Itzehoe ist zwar eine Kleinstadt, und in der Umgebung verdienen viele Leute als Landwirte ihr Geld", sagt Jörg Wiechmann, einer der Geschäftsführer des Clubs, "doch deswegen sind die Itzehoer noch lange keine Hinterwäldler, die nichts von Börsendingen verstehen." Abgesehen davon, dass zahlreiche Finanzprofis und Steuerberater zu den Mitgliedern zählen, hat der Club eine clevere Investmentstrategie entwickelt: Er investiert in Aktien, auf die auch die Manager der erfolgreichsten internationalen Fonds setzen.

Bei Investmentclubs, die mehr als eine Million DM verwalten, muss ein professioneller Finanzdienstleister mit im Boot sein, der vom Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen überwacht wird. Daher hat der Club die Fondsberatung Top AG beziehungsweise deren drei Vorstandsmitglieder mit der Geschäftsführung beauftragt, wie Wiechmann erklärt. Auf diese Weise hätten die Mitglieder die Vorteile, direkt zu Fondsmanagern Kontakt halten zu können, und nicht wie Privatanleger auf Jahres- oder Halbjahresberichte angewiesen zu sein. Die Top AG suche die über fünf Jahre - oder längere Zeiträume - erfolgreichsten internationalen Fonds aus und wähle unter den jeweils zehn besten Werten "eine Handvoll" für das Clubdepot. Ein Pluspunkt der Strategie: Die Clubmitglieder müssen sich nicht mit Recherchen über einzelne Aktien befassen. "Diese Arbeit erledigen ja die Fondsmanager, die täglich damit betraut und daher erfahren sind", sagt Wiechmann.

Club für konservative Investoren, die langfristig denken

Bei der Auswahl der Aktien setze der Club nur auf Unternehmen, von deren Produkten und Marken er überzeugt sei - getreu dem Motto von Warren Buffet, der sagt, "man soll nur das kaufen, von dem man etwas versteht", erklärt der 28-jährige Anlageberater. Insofern eigne sich der Aktienclub für konservative Investoren, die langfristig denken und sich nicht von charttechnischen Signalen zu kurzfristigem Handeln verleiten lassen wollen. So würden weniger als fünf Prozent der im Schnitt meist sechzig Aktien jährlich ausgetauscht (siehe aktuelle Branchengewichtung in der Grafik; die Einzelwerte können im Internet abgerufen werden). "Denn hin und her macht Taschen leer", zitiert Wiechmann eine alte Börsenregel.

Allerdings sind die gesamten Gebühren beträchtlich und liegen höher als für die meisten Fonds: Als eine Art Ausgabeaufschlag zahlen Einsteiger 2,75 Prozent auf ihre Anlagesumme und zusätzlich eine jährliche Verwaltungsgebühr von 3,3 Prozent. Dabei können Anleger entweder einen Sparplan vereinbaren, der monatliche Zahlungen von 50 DM vorsieht, oder aber mit einer Einmalanlage ab 5 000 DM beginnen. In der Verwaltungsgebühr sind allerdings alle Extraleistungen enthalten, betont Wiechmann mit Blick auf andere große Investmentclubs, bei denen dies nicht zutreffe.

Die Ergebnisse der Itzehoer können sich sehen lassen, aber mit den besten Profis können sie nicht mithalten. In den vergangenen drei Jahren (Stichtag: 9.6.1998) erwirtschaftete das Clubdepot einen Wertzuwachs von rund 61 Prozent - das liegt deutlich über dem Durchschnitt aller international anlegenden Aktienfonds in dieser Zeit (+ 37 Prozent). An den Anlageerfolg eines Spitzenfonds wie dem Deutschen Vermögensbildungsfonds I (+ 120 Prozent) können die Norddeutschen allerdings noch nicht einmal tippen - obwohl sie deutlich teurer sind.

Und derzeit müssen Anleger mit dem Clubdepot, das zu 40 Prozent aus Technologie- und Telekommunikationsaktien besteht, einige Kursrisiken in Kauf nehmen. Doch der IAC-Geschäftsführer ist der Ansicht, jetzt sei ein guter Zeitpunkt, um in Technologietitel einzusteigen - aber nur in Branchengrößen wie Microsoft und Intel. Keineswegs wolle er gegenwärtig Geld in den Neuen Markt stecken. Bislang sind die Itzehoer nur mit BB Biotech am deutschen Wachstumsmarkt engagiert. Wiechmann: "Das entspricht durchaus unserer eher konservativen Strategie. BB Biotech ist ja eine Schweizer Holding, die an zahlreichen vielversprechenden Biotechnologie-Firmen beteiligt ist - daher sind die Risiken gestreut." Anlegern rät er derzeit neben großen Technologietiteln zu Aktien aus den Branchen Pharma und Gesundheitswesen. Denn diese Werte dürften langfristig von der Überalterung der Bevölkerung hier zu Lande profitieren.

Dass auf der letzten Gesellschafterversammlung Ende Mai der Kontrollausschuss - den bislang zwei Mitglieder ehrenamtlich bildeten - abgeschafft wurde, sollte nicht zu voreiligen Schlüssen führen, sagt Wiechmann. Schließlich stehe der Club unter Kontrolle des Bundesaufsichtsamts für das Kreditwesen. Und per Internet könnten die Mitglieder jederzeit die Depotzusammensetzung überprüfen. Abgesehen davon habe die Geschäftsführung einen Buchprüfer engagiert, dessen monatliche Kontrollberichte künftig online gelesen werden können.

Wichtiger ist da eine andere Entscheidung, die die Itzehoer während ihres Treffens im Mai fällten: Künftig soll nur noch dann eine Gesellschafterversammlung einberufen werden, wenn sich über zehn Prozent der Clubmitglieder dafür aussprechen. Ihnen werde zu diesem Zeitpunkt der Jahresbericht des Buchprüfers zugesandt mit der Bitte um postalische Antwort, ob sie diese Versammlung im nächsten Jahr einberufen wollen, erklärt Wiechmann. Meist würden auf so einer Veranstaltung "aber sowieso nur technische Fragen behandelt". Der Geschäftsführer verweist darauf, dass es ohnehin schwierig sei, für die vielen Mitglieder geeignete Räumlichkeiten zu finden. Abgesehen davon, dass der Club hohe Mietkosten bezahlen müsse. Die Mitglieder sollten aber wissen: Findet keine Versammlung statt, haben sie die Geschäftsführung automatisch entlastet.

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