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IWF-Chef Horst Köhler - der Doppelstratege

Für den ersten Deutschen an der Spitze des Internationalen Währungsfonds stellt die Weltwährungstagung in Prag die erste große Bewährungsprobe dar.

Seit Horst Köhler im Mai dieses Jahres nach dem entschiedenen "Nein" der Amerikaner zum Weltbank-Veteranen Caio Koch-Weser als erster Deutscher den Chefposten des Internationalen Währungsfonds (IWF) übernahm, wird in der Weltfinanzszene mit einem Schuss Schadenfreude die nahe liegende Frage gestellt: Hat der Königsmacher, US-Finanzminister Lawrence Summers, nun den neuen Managing-Direktor an der Spitze des Währungsfonds, den er verdient? Jemanden, den die Amerikaner nicht wie Köhlers Vorgänger Michel Camdessus herumkommandieren können?

Dass es der mit einem CDU-Parteibuch ausgestattete Köhler schafft, eine Stunde über seine Pläne und Visionen von einem reformierten IWF zu reden, ohne auch nur einmal Larry Summers oder den amerikanischen Radikalreformer Alan Meltzer zu erwähnen, beweist sicher Souveränität. Mit feinem Gespür für die politischen Machtkonstellationen verfolgte der 57 Jahre alte, im heute polnischen Skierbieszow geborene Köhler bisher geschickt eine Doppelstrategie.

So reiste er zunächst rund um den Globus, um für sich und seine "Reformpolitik mit Augenmaß" die notwendige Unterstützung zu gewinnen. In Lateinamerika, in Asien und in Afrika machte er sich mit den spezifischen Problemen und Interessen der jeweiligen Region vertraut. Als die Chefs der größten Banken im Juni in Paris tagten, nahm er den Faden zu den "Big Playern" der globalisierten Finanzmärkte auf. An der Wall Street machte er klar, was er unter einer stärkeren Einbindung des Privatsektors versteht. Und in Basel hörte er sich die Reformvorstellungen der Zentralbanker und Finanzaufseher an. Und erst dann erläuterte er nach und nach seine eigenen Reformideen.

Kein Respekt vor mächtigen Gruppierungen

Sein Stichwort vom "stärker fokussierten IWF" ging um die Welt. Und es wurde immer deutlicher, dass sich neue deutsche IWF-Chef durchaus mit den mächtigen Gruppierungen im Fonds anlegen kann.

So sorgte Köhler für Irritationen bei den Europäern, weil er, wie es auch in Berlin heißt, schon jetzt die Diskussion über eine mögliche Neuverteilung von Stimmrechten und Quoten zu Lasten der Europäer lostrat. Und sein Engagement für die Gründung eines "Asiatischen Währungsfonds" stößt bei Europäern wie Amerikanern gleichermaßen auf Widerstand.

Mit seiner scharfen Kritik an immer größeren Stützungen in den zurückliegenden Finanzkrisen für aufstrebende Volkswirtschaften in Asien und Lateinamerika ging Köhler zu den Amerikanern auf Kollisionskurs. Und mit seinem emotionsgeladenen Eintreten für den vergessenen Kontinent Afrika und weiter gehende Schuldenentlastungen im weltweiten Kampf gegen die Armut hat er jene verwirrt, die den IWF aus der Entwicklungspolitik zurückholen wollen.

Auf jeden Fall hat der Diplomvolkswirt, der 1977 mit einer Arbeit über die Arbeitsmarktwirkungen des technischen Fortschritts zum Dr. rer. pol. promovierte, in Washington einen fulminanten Start hingelegt. Dies ist insofern bemerkenswert, als der IWF kein Institut ist, das einen Deutschen an der Spitze mit offenen Armen empfängt. Auch und gerade deshalb steht der frühere Finanzstaatssekretär, Sparkassenpräsident und Chef der Osteuropabank jetzt in Prag vor seiner ersten großen Bewährungsprobe.

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