IWF-Chef weist Kritik am amerikanischen Leistungsbilanzdefizit zurück
Köhler betont Stärke der US-Wirtschaft

Zum Auftakt des G8-Gipfels in Kanada zeichnet IWF-Chef Köhler ein verhalten positives Bild der Weltwirtschaft. Der Aufschwung in den USA habe weltweit Signal-Wirkung. Nur Argentinien erntet erneut scharfe Kritik.

WASHINGTON. Der Internationale Währungsfonds (IWF) beurteilt die US-Wirtschaft trotz der jüngsten Turbulenzen weiter positiv. Die amerikanische Ökonomie sei "grundsätzlich stark", sagte IWF-Chef Horst Köhler dem Handelsblatt in Washington. Durch ihre Produktivität und das "bei weitem noch nicht erschöpfte Technologie-Potenzial" verfüge sie über eine beträchtliche Wachstums-Dynamik. Zwar gebe es Risiko-Faktoren wie die Gewinn-Erwartungen der US-Unternehmen sowie die sich daraus ableitenden Investitionen. Auch habe die Volatilität an den Börsen einige Unsicherheit geschaffen, sagte Köhler vor den jüngsten Turbulenzen durch das WorldCom-Debakel. "Aber insgesamt sind wir sehr zuversichtlich, dass die Erholung im zweiten Halbjahr weiter an Kraft gewinnt", betonte Köhler. "Ende des Jahres könnte ein Wachstumspfad von 3 bis 3,5 % erreicht werden."

Der Konjunktur-Aufschwung in Amerika habe weltweit "Signal-Wirkung". Allerdings gebe es auch in Asien, abgesehen von Japan, Hoffnungsschimmer. "Europa erholt sich ebenfalls, wenngleich etwas langsamer als die USA." Die von den Europäern mehrfach geäußerte Kritik am amerikanischen Leistungsbilanz-Defizit wies der IWF-Direktor als einseitig zurück. "Die USA haben jahrelang, nicht zuletzt durch ihre hohen Konsum-Ausgaben, die Welt-Konjunktur gestützt. Jetzt müssen die Europäer bei sich selbst für mehr Wachstum sorgen." Insgesamt bemängelte Köhler das langsame Tempo an Strukturreformen im Euro-Raum: "Auf dem Energiemarkt, bei den Finanz-Dienstleistungen und im Telekommunikationsbereich gibt es noch zu viel Zersplitterung. Dadurch werden Produktivitäts- und Wachstums-Spielräume verschenkt."

In der Argentinien-Krise sieht Köhler "kein Kollaps-Problem" für Südamerika. Die Schwierigkeiten in dem Tango-Land seien zu sehr in der eigenen Misere verwurzelt, als dass sie auf andere Länder überschwappen könnten. "Die anhaltenden Unsicherheiten in Argentinien machen es allerdings für andere Staaten schwerer, aus den eigenen Turbulenzen herauszukommen." Einzig im Falle von Uruguay bestehe eine direkte Ansteckungsgefahr. Enge Handelsbeziehungen sowie direkte argentinische Kapital-Einlagen in uruguayischen Banken sorgten für eine intensive Verflechtung.

Die nervösen Reaktionen der Finanzmärkte in Brasilien, die innerhalb von wenigen Wochen zu einem rasanten Verfall der Landeswährung geführt hatten, nannte Köhler "übertrieben". Im Kern gehe es um ein innenpolitisches Problem: Die Gläubiger hätten Angst, dass sie ihr Geld abschreiben müssten, wenn der linke Kandidat Luis Inacio da Silva Präsident Brasiliens werde.

Mit ungewöhnlich deutlichen Worten kritisierte Köhler die Reformbereitschaft der argentinischen Regierung. "Ich habe von der gerade aus Buenos Aires zurückgekehrten IWF-Mission erfahren, dass die Argentinier offensichtlich keine Eile haben, mit uns intensiv über eine Restrukturierung der Banken-Landschaft zu verhandeln", so Köhler. "Das hat mich überrascht und enttäuscht." Der IWF hatte sich dafür ausgesprochen, den Banken durch die Umwandlung von Geld-Einlagen in Wertpapiere unter die Arme zu greifen. Gleichzeitig sollte die Abwanderung von Kapital ins Ausland gestoppt werden. Der IWF stelle die Bedingung, dass die argentinische Regierung "einen monetären Anker und die mittelfristige Konsolidierung der Staatsfinanzen" definieren müsse. Derzeit werde noch zu viel Geld gedruckt.

Zwar würdigte Köhler die Vereinbarung zwischen der argentinischen Zentralregierung und einzelnen Provinzen, wonach die Defizite zurückgefahren werden sollen. "Das sind zweifellos Fortschritte, aber gemessen an der Dimension der Probleme fehlt es an Reformentschlossenheit."

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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