IWF-Prognose
Signale für verhaltenere Konjunktur mehren sich

Rund zehn Wochen vor der Bundestagswahl mehren sich die Anzeichen für eine schwächere Wachstumsentwicklung in Deutschland als bislang erwartet.

Reuters BERLIN/FRANKFURT. Führende Wirtschaftsinstitute gehen zwar nach wie vor von einer beschleunigten Wachstumsentwicklung im Verlauf dieses Jahres aus, kündigten aber zum Teil für 2003 schon wieder eine Abkühlung an. Der Internationale Währungsfonds (IWF) senkte seine Prognose für das deutsche Wachstum und bezeichnete es als sehr schwer, das Ziel eines fast ausgeglichenen Staatshaushalts 2004 zu erreichen.

Finanzstaatssekretär Caio Koch-Weser sagte Reuters, für die Bundesregierung gebe es keinen Grund, ihre Wachstumsprognose zu ändern. Die Arbeitslosenzahl stieg im Juni saisonbereinigt um 39.000 auf 4,092 Millionen an. Nach dem unerwarteten Rückgang der Industrieproduktion um 1,3 Prozent im Mai prognostizierte das Finanzministerium für die kommenden Monate wieder einen Zuwachs.

Volkswirte: Wachstum beschleunigt sich im zweiten Halbjahr

Volkswirte halten trotz der negativen Daten an ihrer Erwartung fest, dass sich das Wirtschaftswachstum im zweiten Halbjahr beschleunigen wird. Jörg Krämer von Invesco Asset Management sagte: "Der Aufschwung in Deutschland bleibt weiter intakt." Christoph Hausen von der Commerzbank sagte insgesamt noch eine deutliche Erholung im weiteren Jahresverlauf voraus. "Dafür sprechen sowohl die Auftragseingänge als auch die Frühindikatoren wie etwa vom Ifo und von Reuters."

Auch Finanzstaatssekretär Koch-Weser wies in einem Redaktionsgespräch mit Reuters in Berlin darauf hin, dass alle maßgeblichen Institutionen eine Beschleunigung des Wachstums im Jahresverlauf voraussagten. Die Bundesregierung betrachte ihre Wachstumsschätzungen von rund 0,75 Prozent in diesem und 2,5 Prozent im nächsten Jahr weiterhin als absolut realistisch. Sie werde ihr Ziel eines nahezu ausgeglichenen Staatshaushalts 2004 erreichen.

Skeptisch äußerte sich der IWF. Das deutsche Staatsdefizit werde zwar 2002 unter drei Prozent bleiben, doch werde es sehr schwer, das Ziel eines Haushaltsausgleichs bis 2004 zu schaffen. Der IWF senkte zudem seine Wachstumsprognosen für Deutschland für 2002 auf 0,8 von 0,9 Prozent und für 2003 auf 2,3 von 2,7 Prozent. Als Gründe nannte der IWF den stärkeren Euro, der den Export verlangsame, sowie die restriktive Haushaltspolitik, die die Nachfrage dämpfe. Auch die Kreditvergabepolitik der Banken könnte verlangsamend wirken.

Wirtschaftsforscher erwarten 2003 erneute Konjunkturabschwächung

Auch zwei führende deutsche Wirtschaftsforschungsinstitute erwarten für 2003 eine erneute Konjunkturabschwächung. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sagte voraus: "Im kommenden Jahr ist der Aufschwung schon wieder zu Ende." Da der Euro an Wert gewinne, werde es keinen Exportboom geben. Außerdem werde die Regierung ihre finanzpolitischen Zusagen an die Europäische Kommission einhalten und den Sparkurs anziehen. Dies werde das Wachstum um etwa einen halben Prozentpunkt dämpfen. Das DIW korrigierte seine BIP-Prognose für 2003 auf plus 2,0 Prozent von bislang 2,1 Prozent. Am Montag hatte bereits das Hamburgische Welt-Wirtschafts-Archiv (HWWA) seine Prognose für 2003 auf 2,3 Prozent von zuvor 2,7 Prozent gesenkt.

Insgesamt waren die sechs führenden Forschungsinstitute im Frühjahr noch von einem Wachstum von 2,4 Prozent für 2003 ausgegangen. Commerzbank-Volkswirt Hausen hielt das Szenario einer Abschwächung im kommenden Jahr für wahrscheinlich. Die Erfahrung der 90er-Jahre zeige, dass Aufschwünge in Deutschland immer von kurzer Dauer seien. Er bezifferte diesen Zeitraum auf vier Quartale. Demnach würde ab dem zweiten Halbjahr 2003 wieder eine Schwächeperiode einsetzen.

"Für die Produktion werden wir vor der Bundestagswahl noch positive Zahlen sehen", sagte Hausen mit Blick auf das laufende Jahr. Wie das Finanzministerium erklärte Hausen seine Erwartung damit, dass die Industrie vor allem wegen Streiks und vieler "Brückentage" - den Tagen zwischen Feiertagen und einem Wochenende - weniger produziert habe. Für die nächsten Monate sprächen gestiegene Aufträge für eine Zunahme der Produktion. Ein Ministeriumssprecher sagte: "Insgesamt hat sich die Lage bei den Auftragseingängen verbessert (im April und Mai insgesamt um plus 3,8 Prozent). Daher erwarten wir, dass die Produktion in den kommenden Monaten bemerkbar zunimmt." Finanzexperten gehen bereits für den Juni von einem deutlichen Produktionsplus aus.

Keine Wende zum Besseren vor der Wahl

Nach dem Zuwachs der Arbeitslosenzahl im Juni gehen Finanzexperten nicht von einer Wende zum Besseren noch vor der Bundestagswahl aus. "Vom Arbeitsmarkt wird es bis kurz nach der Wahl schlechte Nachrichten geben", sagte Hausen. Selbst ein von ihm erwarteter deutlicher Anstieg der Industrieproduktion schon ab Juni werde sich nicht so schnell in neuen Arbeitsplätzen niederschlagen. Der Chef der Bundesanstalt für Arbeit, Florian Gerster, sagte eine nachhaltige Besserung für das vierte Quartal voraus. Im Jahresdurchschnitt könne die Arbeitslosenzahl über die Marke von vier Millionen steigen.

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