IWF und Bundesregierung haben Woche zur Jagd auf Geldwäscher geblasen
An die Wäscher gehen

Kaum jemand weiß: Schon jetzt suchen Banken elektronisch nach Steuersündern und Terroristenfreunden.

DÜSSELDORF. Die Finanzminister und hohen Regierungsvertreter waren sich bei ihrem Treffen im kanadischen Ottawa in der vergangenen Woche schnell einig. Sie alle hatten die Ereignisse des 11. September vor Augen - und entsprechend deutlich las sich das Abschlusskommuniqué: Die Mitgliedsstaaten des Internationalen Währungsfonds (IWF) sollen den Kampf gegen die Geldwäsche drastisch verschärfen. Die Ministerrunde drängt zur Eile: Nur drei Monate bleiben den Staaten. Bis zum 1. Februar 2002 soll jedes Land über eine Ermittlungsbehörde verfügen, die Daten über Geldwäscher sammelt.

Aufs Tempo drückte kurz darauf auch die Bundesregierung. Kanzler Schröder und sein Kabinett berieten in Berlin über den Entwurf des vierten Finanzmarktförderungsgesetzes. Mit der Gesetzesnovelle will die Regierung Banken verpflichten, intensiver nach Geldwäschern unter ihren Kunden zu suchen - auch mit einer automatisierten Fahndung per Computer.

"Smaragd" überprüft automatisch sämtliche Kontobewegungen von Bankkunden

Doch der Einsatz neuer Technologien hätte gar nicht betont werden müssen: Schon jetzt arbeiten einige Banken - praktisch unbemerkt von der Öffentlichkeit - mit entsprechender Such-Software. Wer die noch nicht einsetzt, beäugt zumindest die Erfolge der Konkurrenz und denkt über eine Einführung nach.

Vorreiter unter den deutschen Kreditinstituten: die Landesbank Baden- Württemberg (LBBW) in Stuttgart. Von deren Tochter DVD-Systempartner stammt Smaragd, eine Software, die automatisch sämtliche Kontobewegungen von Bankkunden überprüft und nach Hinweisen auf schmutziges Geld sucht. "Damit filtern wir heute mehr Geldwäsche-Verdachtsfälle heraus als jemals zuvor", freut sich Klaus Spießhofer, Vertriebsleiter Finanzdienstleistungen bei DVD.

Die neue Software überprüft die Datenflut anhand einer Liste von 20 Kriterien, die alle auf einen Geldwäscher hindeuten könnten, zum Beispiel die plötzliche und vorzeitige Rückzahlung eines Kredites, häufige Buchungen auf bisher fast ungenutzten Konten sowie eine starke Erhöhung der Anzahl von Haben-Buchungen in kurzer Zeit. Ebenso sucht das Programm nach Kontoinhabern, die Wertpapiere mit Verlust verkaufen oder häufig große Summen auf Konten in Steueroasen überweisen.

Jedem Merkmal haben die Entwickler eine bestimmte Punktzahl zugeordnet. Nur wenn ein Kunde in der Summe eine bestimmte Anzahl von Punkten überschreitet, meldet ihn die Software als möglichen Geldwäscher. Der zuständige Kundenberater versucht dann unter einem Vorwand, im Gespräch mit dem Kunden den Verdacht auszuräumen. Gelingt das nicht, meldet die Landesbank ihren Kunden der Staatsanwaltschaft.

Bislang fahnden Geldwäschebeauftragte der Banken weitgehend manuell

Eine Software wie die der Schwaben gab es bisher auf dem Markt nicht. Entsprechend groß ist seit der Fertigstellung von Smaragd im Sommer dieses Jahres das Interesse anderer Banken - die Deutsche Bank hat das System bereits gekauft. Ihr Interesse bekundet haben unter anderen die Bayerische und die Norddeutsche Landesbank sowie die Stadtsparkasse Köln.

Für die Kreditinstitute wäre die Einführung der Software ein Quantensprung in der Automatisierung. Bisher fahnden die Geldwäschebeauftragten der Banken weitgehend manuell nach Kunden, die Geld aus Verbrechen säubern wollen. Die Methode ist fast vorsintflutlich: Die Bank-Mitarbeiter erstellen Listen mit den Namen der Kunden, auf die eines der Geldwäsche- Merkmale zutrifft. Dann vergleichen sie, ob ein Kunde auf mehreren Listen auftaucht. Nur in diesem Fall wird das Verhalten des Kontoinhabers mehrere Wochen lang genauer beobachtet.

Zum genauen Hinsehen sind die Banken verpflichtet

"Wenn eine größere Bank mit einer großen Zahl von Prüfungsfällen genauer hinschauen möchte, ist sie mit dem Listenverfahren schnell am Ende ihrer Möglichkeiten", sagt Martin Wündisch, Bankenexperte bei der IBM Unternehmensberatung in Hamburg.

Und zum genauen Hinsehen sind die Banken verpflichtet. Laut Geldwäschegesetz müssen sie Verdachtsfälle der Staatsanwaltschaft melden. Das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen verlangt von den Banken und Sparkassen sogar eine aktive Recherche nach Hinweisen auf Geldwäsche unter den eigenen Kunden.

Ein Such-Programm hat für die Institute deshalb auch eine Selbstschutz-Funktion: Sollte ein nicht entdeckter Geldwäsche-Fall bekannt werden, würde das für die betroffene Bank einen enormen Imageschaden bedeuten. "Wer eine Such-Software im eigenen Haus einsetzt, hat gute Argumente im Falle eines Überprüfungsverfahrens", glaubt IBM-Berater Wündisch.

Seit dem 11. September stehen die Banken unter einem enormen öffentlichen Druck, Geldwäsche zu verhindern und Konten von Terroristen zu finden. "Jeder erwartet von uns, dass wir ein wasserdichtes System schaffen. Aber das ist selbst mit einer elektronischen Suche nicht möglich", sagt der Geldwäschebeauftragte einer deutschen Großbank, der seinen Namen nicht gedruckt sehen will.

Über bestehende Rechtsunsicherheiten macht sich kaum ein Kreditinstitut Gedanken

Trotzdem hat sich der Banker das Smaragd-System bereits angeschaut - auch er will sich später nicht vorwerfen lassen, auf althergebrachte Methoden vertraut zu haben. Dazu würde er sogar höhere Kosten in Kauf nehmen. Seine Vermutung: Die Software würde so viele Ergebnisse auswerfen, dass mehr Mitarbeiter zur Bearbeitung der Verdachtsfälle nötig wären.

Über noch bestehende rechtliche Unsicherheiten bei der elektronischen Suche nach Geldwäschern macht sich dagegen kaum ein Kreditinstitut Gedanken. Die anstehenden Neuerungen im Zuge des Finanzmarktförderungsgesetzes wägen die Banken in Sicherheit. Dabei halten Datenschützer den Einsatz einer Software wie Smaragd momentan für rechtswidrig: "Für eine Rasterfahndung in den Kundendaten gibt es keine Rechtsgrundlage", sagt Daniel Holzapfel, Bankenexperte beim Berliner Beauftragten für den Datenschutz. Selbst nach einer Gesetzesänderung würde ihm der Einsatz Bauchschmerzen bereiten: "Es besteht die Gefahr, dass Unschuldige sehr lange einem falschen Verdacht ausgesetzt sind."

Die Banker wollen diese Kritik nicht gelten lassen. Smaragd verdächtige lediglich jeden tausendsten Bankkunden, behauptet DVD-Mann Spießhofer. Und: Computer hin oder her - vor dem Hinweis an die Staatsanwaltschaft prüft der Geldwäschebeauftragte der Bank noch einmal jeden einzelnen Fall persönlich.

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