IWF wappnet Brasilien gegen Ansteckungsgefahr
Argentinien verstrickt sich in der Krise

Die internationale Solidarität mit der krisengeplagten Regierung in Buenos Aires wächst - doch wecken gerade die verbalen Hilfszusagen der letzten Tage die Sorgen der Finanzmärkte, dass Argentinien noch lange nicht über den Berg und die Ansteckungsgefahr noch nicht gebannt ist. Nun rückt Brasilien stärker ins Rampenlicht.

abu/HB WASHINGTON/SÃO PAULO. Der Internationale Währungsfonds (IWF) will seine Kredithilfen für Argentinien und Brasilien vorantreiben und damit eine weitere Ausbreitung der Finanzkrise in Lateinamerika verhindern. Wie IWF-Chef Horst Köhler am Freitagabend (Ortszeit) in Washington mitteilte, soll für Brasilien ein Kredit mit einem Rahmen von 15 Mrd. $ bereitgestellt werden. Die Auszahlung einer Kreditrate von rund 1,2 Mrd. $ an Argentinien soll von September auf August vorgezogen werden.

Dennoch wirbt Argentinien um weitere 5 bis 8. Mrd. $. Unter Berufung auf einen anonymen Mitarbeiter des Wirtschaftsministeriums schrieb die Zeitung "La Nacion", dass der US-Finanzstaatssekretär John Taylor bei seinen Treffen mit Wirtschaftsminister Domingo Cavallo seine Unterstützung für weitere 5 Mrd. $ an Finanzhilfe zugesagt habe. Eine Bestätigung dafür gab es jedoch nicht. Europäische Regierungskreisen verhielten sich zunächst abwartend auf das Hilfegesuch Argentiniens, doch könnte das Thema möglicherweise bei einer EU-Finanzministerkonferenz Ende August angesprochen werden.

In der vergangenen Woche hatte der argentinische Senat ein von der Regierung vorgeschlagenes Sparprogramm zur Reduzierung der hohen Schuldenlast der drittgrößten Volkswirtschaft Lateinamerikas gebilligt. Bis Jahresende soll das Haushaltsdefizit des Landes auf Null gebracht werden. Unter anderem ist vorgesehen, die Gehälter und Pensionen im öffentlichen Dienst massiv zu kürzen.

Verkaufswelle an den Finanzmärkten Lateinamerikas

Die jüngste Krise in Argentinien hatte im Juli zu einer Verkaufswelle an den Finanzmärkten Lateinamerikas geführt. Auslöser war der Verkauf von Staatsanleihen. Weil die Anleger befürchten, das Land könne zahlungsunfähig werden, musste Buenos Aires für diese Anleihen die höchsten Zinsen seit 1996 zahlen. Die Wirtschaft steckt seit drei Jahren in einer Rezession.

Von den Finanzmärkte wird vor allem die Verlängerung des IWF-Abkommens mit Brasilien beachtet. Danach erhält das von der Argentinien-Krise geschwächte Nachbarland insgesamt 15 Mrd. $ bis Ende nächsten Jahres; 4,6 Mrd. $ sind sofort abrufbar. Damit erneuert Brasilien sein 1998 vor der Abwertung getroffenes Abkommen mit dem Fonds bis zum Ende der Amtszeit von Präsident Fernando Cardoso. Mit der IWF-Kredithilfe will Brasilien und der Fond die Ansteckungsgefahr aus Argentinien senken: Wegen der Hochzinsen und des schwachen Reals hat sich das Verhältnis der Wirtschaftskraft des Landes zur ausländischen Verschuldung stark verschlechtert.

In Argentinien sinkt trotz der neuen Zusagen die Zuversicht, dass das Land einen Zahlungsstopp vermeiden kann. Selbst der stets dynamische Wirtschaftsminister Domingo Cavallo scheint am Ende seines Lateins angelangt, wenn er die Märkte um eine neue Chance bittet. Die 1,2 Mrd. $, welche der IWF nun einen Monat früher überweisen will, verbessern die Lage nicht. Die Rating-Agentur Moody?s schätzt, dass nur ein neues internationales Hilfspaket Argentinien vor der Zahlungsunfähig (Default) retten kann. Eigentlich wollte Cavallo die vergangene Woche nutzen, um persönlich in Europa bei Banken und Regierungen 7 bis 8 Mrd. $ einzusammeln. Doch seine Berater rieten ihm mangels Erfolgsaussichten ab.

Gehälter im öffentlichen Dienst massiv kürzen

Viele Experten in Buenos Aires zweifeln, dass die Regierung den Nulldefizit-Plan politisch durchsetzen kann. Staat und Zentralregierung dürften demnach nur so viel ausgeben, wie sie im Vormonat eingenommen haben. Fehlt Geld auf den öffentlichen Konten, müssten der Präsident und die Gouverneure so lange die Beamtengehältern und staatlichen Pensionen kürzen, bis die Rechnung aufgeht. Nachdem die Steuereinnahmen im Juli geringer ausfielen als erwartet, muss die Regierung aber im letzten Quartal noch mehr als die anvisierten 13 % der Gehälter und Pensionen streichen.

Zudem stehen im Oktober Kongresswahlen an. Die Gewerkschaften rufen bereits für Mittwoch zu einem landesweiten Streik gegen die Sparpläne auf. Der Arbeiterbund, der die Mehrheit aller Angestellten des öffentlichen Dienstes vertritt, warnt, die Zukunft des Landes stünde auf dem Spiel.

Auch Finanzexperten sehen die Gefahr, dass das Krisenprogramm die Rezession weiter verschärft: "Wenn im besten Falle die Zinsen sinken, wird der Nulldefizit-Plan die Konjunktur noch weiter bremsen," sagt der brasilianische Investmentbanker Paulo Guedes. Das liegt einerseits an der Konsumabhängigkeit der argentinischen Wirtschaft. Und auf den Exportmärkten sind argentinische Unternehmen mit ihrem Dollar gebundenen Peso wenig wettbewerbsfähig Und auch als Investitionsstandort ist das Land mit dem teuren Peso wenig attraktiv, trotz billiger Energie und vorhandener Rohstoffe.

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