IWH: Im Kriegsfall müssen die Konjunkturprognosen neu berechnet werden
Experten warnen vor Isolation der USA im Irak-Konflikt

Politisch schlagen die Pläne der US-Regierung, den Irak anzugreifen, schon länger hohe Wellen. Jetzt warnen auch deutsche Wirtschaftsforschungsinstitute vor den Folgen eines Irak-Feldzuges. Nur wenn die Auseinandersetzung kurz dauert, werden die Auswirkungen für die Konjunktur wohl begrenzt bleiben.

pbs/vwd DÜSSELDORF. Auch der Golfkrieg 1991 habe bei der Konjunktur nur "sehr flüchtige Spuren hinterlassen", sagt Roland Döhrn, Konjunkturexperte des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI).

Das Szenario könne sich allerdings verschärfen, wenn der Krieg länger dauert und "sich der Konflikt ausweiten und auf andere Opec-Länder im arabischen Raum übergreifen würde", sagt Udo Ludwig, Konjunkturexperte des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Der Ölpreis könnte dann auf "über 30 US-Dollar" steigen. Dann "müssen wir unsere Konjunkturprognosen neu berechnen", sagte Ludwig dem Handelsblatt. Deutschland könnte sogar wieder in eine Rezession abrutschen. Bisher liegt den Berechnungen des Instituts ein Ölpreis von 25 US-Dollar im Jahresdurchschnitt zu Grunde.

Gestern hat das IWH seine aktuellen Konjunkturprognosen veröffentlicht. Das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts in der Euro-Zone wurde gegenüber der letzten Schätzung von Juli um jeweils 0,2 Prozentpunkte nach unten korrigiert - das IWH rechnet nun nur noch mit einem Plus von 1,0 % in diesem und 2,4 % im kommenden Jahr. Für die USA werden 2,4 % und 3,3 % erwartet.

Teures Öl gefährdet die Konjunktur aus mehreren Gründen: Zum einen steigt die Inflation - das schmälert die Kaufkraft der Verbraucher. Zum anderen sinken die Gewinne der Unternehmen, insbesondere, wenn sie die höheren Preise nicht an die Konsumenten weitergeben können. Steigt der Ölpreis dauerhaft um 10 US-Dollar, dämpft dies in den Industrieländern das Wachstum um 0,5 Prozentpunkte, schätzt die OECD.

Sollten die Fördereinrichtungen in Saudi-Arabien bedroht werden, schließt Öl-Experte Klaus Matthies vom Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archiv (HWWA) auch einen vorübergehenden Anstieg des Ölpreises auf 40 Dollar oder mehr nicht aus. So teuer war das schwarze Öl noch nicht einmal während des Golfkrieges. Allerdings werde der Preis, wenn der Krieg vorbei ist, auch wieder rasch fallen, meint Matthies. Die Preisschwankungen könnten sogar von spekulativ ausgerichteten Hedge Funds verstärkt werden, warnt Wolfgang Wilke, Rohstoffexperte bei der Dresdner Bank. Nachdem die Aktienmärkte derzeit wenig lukrativ seien, suchten diese Fonds neue Märkte.

Für Wilke spiegelt der aktuelle Ölpreis nicht mehr die derzeitige konjunkturelle Lage, sondern ist von Kriegsängsten getrieben. Angemessen wäre aus seiner Sicht ein Preis von 26 US-Dollar, er ist aber knapp drei Dollar höher.

Einen Ölpreisschock schließt Ramon Lutten, Ökonom bei der Uno-Konferenz für Handel und Entwicklung (Unctad), aus. Die Risiken eines kriegerischen Konfliktes seien bereits jetzt schon ausreichend in den Ölpreis eingerechnet. Ein Feldzug gegen den Irak werde "nicht die gleichen Konsequenzen wie der Sturz des Schah haben." Die Entmachtung des Herrschers von Persien im Jahr 1979 hatte damals die zweite Ölkrise ausgelöst.

Eine weitere Gefahr für die Konjunktur sehen Volkswirte in einer möglichen Isolation der USA. Wenn sich eine Koalition arabischer Staaten gegen die USA bildet, könnte Öl als Waffe eingesetzt werden, warnt Eckhardt Wohlers, Leiter der Konjunkturabteilung beim HWWA. "Wenn sozusagen eine 'Strafaktion' gestartet wird und der Ölpreis kräftig anzieht, dann erhielte die Weltwirtschaft einen Dämpfer", meint auch Joachim Scheide, Konjunkturexperte des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. Im Moment sei die Wahrscheinlichkeit hierfür allerdings relativ gering.

Eine Irak-Krieg könnte aber auch über einen weiteren Mechanismus die Wirtschaft gefährden: "Möglicherweise wird der US-Dollar wieder etwas stärker, was den USA den Export etwas erschweren könnte", sagt Döhrn vom RWI.

Das größte Problem für die Weltwirtschaft seit den Terroranschlägen in New York, die heute auf den Tag genau ein Jahr zurück liegen, sei aber das Gefühl einer "latenten Bedrohung", meint Ludwig vom IWH. Sowohl Konsumenten als auch Investoren hätten das Vertrauen verloren. Eine aktuelle Umfrage der R+V-Versicherung unter 2 500 Deutschen stützt diese These: Im Vergleich zum vergangenen Jahr sind die Ängste vor dem Terrorismus stark gestiegen. Allerdings haben die Bundesbürger noch mehr Angst vor einem Anstieg der Lebenshaltungskosten, der Verschlechterung der Wirtschaftslage und vor Arbeitslosigkeit.

Quelle: Handelsblatt

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