Jagd auf die S-Klasse
Im automobilen Oberhaus wird die Luft dünn

In der Oberklasse werden die Karten neu gemischt. Wenige Monate nach dem Debüt der BMW 7er-Reihe schicken Jaguar den neuen XJ, Audi den A8 und VW sowie Porsche einen Luxus-Geländewagen ins Rennen.

PARIS. Ganz oben ist die Luft dünn. Das galt allerdings für die Oberklasse des Automobilgeschäfts in den vergangenen Jahren weniger. Denn während es im Massenmarkt eng wurde, stiegen im Hochpreissegment die Verkaufszahlen weiter. Nun glauben allerdings Experten, dass das Angebot bald die Nachfrage übersteigen könnte. Die Konjunkturschwäche zwingt viele Manager zu einer neuen Sparsamkeit bei der Wahl ihrer Geschäftswagen, deshalb wächst der Druck auf den bisherigen Platzhirsch Mercedes. Mit einer renovierten S-Klasse wollen die Stuttgarter jedoch ihre Spitzenposition verteidigen.

Massiv drängen immer häufiger große Hersteller in das margenträchtige Oberhaus. Volkswagen-Chef Bernd Pischetsrieder will mit dem neuen Audi-Flaggschiff A8, der Luxuskarosse Phaeton sowie dem Geländewagen Touareg Terrain erobern. Für die neuen Modelle sieht er in der Zukunft erhebliches Marktpotenzial. "Wir wollen in der Oberklasse eine wesentliche Rolle spielen", sagte er dem Handelsblatt auf dem Pariser Autosalon. Die alte Hierarchie unter den Autoherstellern sieht der VW-Chef dabei nicht gefährdet: "Ich habe nicht den Ehrgeiz, jemanden zu überholen."

Noch ist der Maßstab, an dem sich die anderen orientieren, die Mercedes S-Klasse. Im vergangenen Jahr lag deren Marktanteil in Deutschland noch bei rund 55 %, gefolgt von BMW mit 25 % und Audi mit 17 %. Doch die Konkurrenz ist den Stuttgartern auf den Fersen. Der neue 7er-BMW überholte im Juni die S-Klasse bei den deutschen Zulassungszahlen. Und auch der Phaeton erzielt Achtungserfolge: Im Branchenblatt "Auto Motor Sport" ließ er die S-Klasse hinter sich.

Mit guten Testergebnissen allein verkauft allerdings niemand im Luxussegment Autos. Denn außer moderner Technik ist vor allem das Image der Marke in der prestigeträchtigen Oberklasse ein nicht zu unterschätzender Kaufanreiz. Toyotas hochgelobte Premiummodelle der Marke Lexus konnten sich beispielsweise auf Grund von Imageproblemen in Europa im Gegensatz zu den USA nie durchsetzen. Die etablierte Konkurrenz möchte natürlich, dass dies auch so bleibt - und setzt auf Modellpflege. So fährt die Ford-Tochter Jaguar in Paris mit einem überholten XJ-Flaggschiff vor, das im Frühjahr 2003 den Vorgänger ablösen soll. Der neue Wagen wird künftig auch bei den Größenmaßen mit der Mercedes S-Klasse mithalten können.

Die Stuttgarter halten mit einer überarbeiteten Version der S-Klasse dagegen und wollen ihre Führungsrolle verteidigen. Es spreche eigentlich nichts dagegen, dass die S-Klasse nach ihrer Überarbeitung wieder auf einen Marktanteil von etwa 50% kommen werde, sagte der für Mercedes zuständige Daimler-Chrysler-Vorstand Jürgen Hubbert dem Handelsblatt. In diesem Jahr war die Nachfrage allerdings bis zum Sommer wegen der bevorstehenden Überarbeitung eingebrochen. Was Mercedes hilft, ist die Kundenloyalität, die Hubbert so hoch wie in keinem anderen Segment einschätzt. "Deshalb bin ich sehr optimistisch, dass wir unsere Position halten können." Analysten sind da skeptischer. Sie sehen Mercedes im Oberhaus künftig stärker unter Druck.

Im laufenden Jahr wird die lange Zeit boomende Nachfrage nach Premiumwagen, so eine Untersuchung des Instituts für Automobilwirtschaft, angesichts der weltweiten Konjunkturschwäche stagnieren. Experten sagen bereits ein Überangebot in der Klasse voraus. Willi Diez, Leiter des Instituts für Automobilwirtschaft, sieht die deutschen Hersteller jedoch eher auf der Überholspur. Der Verdrängungswettbewerb werde vor allem US-Marken wie Cadillac und Lincoln sowie Jaguar mit dem S-Type treffen. Dass es in der Oberklasse nur Gewinner geben werde, glauben auch die Hersteller nicht. Hubbert spricht es offen aus: "Natürlich wird der eine oder andere Hersteller zurückstecken müssen."

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