James Morgan sieht Anzeichen für eine baldige Erholung in der Chipindustrie
Für Applied Materials geht die Dürrezeit langsam zu Ende

Die Sorgen von James Morgan, Chef des Chipmaschinenherstellers Applied Materials, möchte manch anderer Manager gerne mit ihm teilen: Analysten an der Wall Street halten die Aktien seines Unternehmens für überbewertet.

NEW YORK. Der Anteilsschein wird mit 47,20 $, mehr als dem 150-fachen der erwarteten Gewinne in 2002, gehandelt. "Historisch gesehen ungewöhnlich teuer", schreibt die Schweizer Investmentbank CSFB.

"Die Leute investieren wieder in wirkliche Unternehmen", rechtfertigt Morgan mit einem Seitenhieb auf die virtuellen Dotcom-Firmen die Bewertung. Dabei gilt Applied Materials als der "Maschinenbauer der New Economy". Ob Intel, AMD oder Texas Instruments, kein Chiphersteller kommt an dem Konzern aus Santa Clara in Kalifornien vorbei.

Die gute Börseneinschätzung hat Morgan nicht zuletzt den guten Nachrichten zu verdanken, mit denen er kürzlich das eher triste Ergebnis des ersten Quartals garnierte. Applied Materials wies zwar einen Ertrags- und Umsatzrückgang aus, verkündete aber zugleich eine bessere Auftragslage. "Unsere Bestellungen werden im zweiten Quartal vermutlich um 10 bis 15% über dem jetzigen Stand liegen", sagt der 62-jährige Manager voraus.

Angesichts der Investitionskürzungen aller großen Chipproduzenten und einer Kapazitätsauslastung in der Industrie von knapp 50 % ist das eine unerwartete Prognose. "Unsere Kunden investieren in neue Technologien, und da sieht die Auslastung anders aus", klärt Morgan auf. Nur etwa fünf Prozent der heutigen Chipmaschinen seien bereits auf das neue Design ausgelegt. Die Auslastung dieser Maschinen betrage rund 90 %. Dennoch: Ist der Auftragszuwachs nicht nur vorübergehend angesichts der nach wie vor trüben Aussichten im Technologiesektor? "Wenn die Wirtschaft sich weiter erholt, müssen die Unternehmen neu bestellen. Ihre Läger sind ziemlich leer", hält Morgan dagegen. Die Marktforscher von VLSI Research sehen ebenfalls erste "Anzeichen für Engpässe" in der Chipindustrie.

Deutliche Signale für Konjunkturfrühling

Niedrigen Zinsen, geringe Ölpreise und ein wachsendes Verbrauchervertrauen sind für Morgan deutliche Signale für einen Konjunkturfrühling. Allerdings könne es noch ein paar Monate dauern, bis der Aufschwung wirklich greife. "Als Marktführer sind wir in der angenehmen Situation, von einer wirtschaftlichen Erholung am stärksten zu profitieren", sagt der Manager, der seit 25 Jahren an der Spitze von Applied Materials steht. Allerdings ist Morgan von seinem Ziel, bis 2005 einen Umsatz von 20 Mrd.$ zu erwirtschaften, noch meilenweit entfernt. Im vergangen Jahr sank der Erlös erst einmal von zuvor 9,6 auf 7,3 Mrd.$.

Dass Applied Materials heute dennoch vergleichsweise gut da steht, hat das Unternehmen einem harten Sparkurs und einer konservativen Buchführung zu verdanken. Die Mitarbeiterzahl sank nach Entlassungen im vergangenen Jahr um 2 000 auf 17 300. Der Konzern sitzt auf einer hohen Barreserve von fast 5 Mrd. $ und ist praktisch schuldenfrei. Das hört sich sehr gut an für die vom Enron-Skandal nervös gewordene Wall Street. Mehr als 90 % der vom Finanzinformationsdienst Bloomberg befragten Analysten raten deshalb immer noch zum Zukauf der Aktie - trotz der bereits hohen Bewertung.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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