Jan Ullrich am Scheideweg
Rad-Millionär in der Lebenskrise

Jan Ullrich steht am Scheideweg. Das labile Genie aus Merdingen hat jetzt weniger mit Gewichtsproblemen oder Formschwankungen zu kämpfen. Der jetzt vorliegende positive Doping-Befund ist wahrscheinlich auch das Ergebnis einer Art Lebenskrise.

dpa LUXEMBURG. Jan Ullrich steht am Scheideweg. Das labile Genie aus Merdingen hat jetzt weniger mit Gewichtsproblemen oder Formschwankungen zu kämpfen. Die Karriere eines der größten deutschen Sportstars der Nachkriegsgeschichte steht auf dem Spiel. Die Doping- oder Drogenaffäre um den 28-jährigen Olympiasieger, der Deutschland mit seinem Tour-de-France-Sieg 1997 auf der Landkarte des Radsports überhaupt erst markierte, ist weniger eines der üblichen Probleme der Branche.

Der aus einfachen Verhältnissen zum Radsport-Millionär aufgestiegene Rostocker findet sich offensichtlich nicht mehr zurecht. "Egal, was weiter passiert - wir wissen, dass wir jetzt auf ihn besonders aufpassen müssen", sagt Telekom-Teamchef Rudy Pevenage, der Ullrich zusammen mit dessen langjährigem Trainer Peter Becker (Berlin) und Manager Wolfgang Strohband (Hamburg) immer am nächsten war. Die bisherige Fürsorge reicht offensichtlich nicht aus.

Auf die von permanenten Knie-Problemen ausgelöste größte sportliche Krise seiner ruhmreichen Karriere reagierte Ullrich am 1. Mai mit einer Amokfahrt in seinem Porsche, die mit Fahrerflucht und Führerscheinentzug endete. Manche werteten das als eine Art Ausbruchsversuch des ansonsten "netten Jungen von nebenan", der, so lange er denken kann, fremdbestimmt wurde und nie richtig erwachsen werden durfte.

Im DDR-Sportsystem wurde er auf Leistung getrimmt, als Profi wurde ihm im Team Telekom alles - bis auf das Fahren - abgenommen. Eine Art Überwachungssystem auf der Team-Führungsetage sollte dafür sorgen, dass der Star nur durch Leistung, nicht etwa durch unbedachte Äußerungen auffällt.

Die Zügel taten dem Olympiasieger nicht gut. Team-Manager Walter Godefroot gab nach der Amokfahrt von Freiburg zu, dass das "Babysitter-System" gescheitert sei, Ullrich jetzt auf eigenen Füßen stehe und selbst über seine Zukunft entscheiden müsse. Erzwungene Inaktivität durch offensichtlich komplizierte Knie-Probleme ließen den umhegten Rad-Profi aber straucheln. Der jetzt vorliegende positive Doping-Befund ist wahrscheinlich auch das Ergebnis einer Art Lebenskrise, in der sich Ullrich befindet.

Nach der Knie-Operation im Mai und der Reha-Behandlung im Juni sollte es endlich wieder bergauf gehen. Aber erneute Knie-Beschwerden haben dem Tour-Spezialisten, der ab Samstag zum zweiten Mal nach 1999 beim Saisonhöhepunkt fehlt, klar gemacht, dass er die gesamte Saison 2002 abhaken kann. Mehr als zehn Tage Katar-Rundfahrt im Januar - eher Wüsten-Gaudi als ernsthafter Wettkampf - wird der zweifache Zeitfahr-Weltmeister in diesem Jahr sportlich nicht zu Stande bringen.

Vielleicht könnte nur eine Radikal-Kur helfen: Anderes Umfeld, anderes Team, anderer Wohnort. Aber Ullrich, eines der größten Talente des Radsports aller Zeiten - da sind sich alle Experten einig - muss selbst entscheiden. Dabei wird er sich schwer tun. Der fast schon weise Tour-Direktor Jean-Marie Leblanc hält die Hände ausgestreckt: "Die Tür zur Tour bleibt offen", sagte er und wertete die Ullrich-Krise als "Zeichen eines verletzten Jungen".

Ob auch Fans und Sponsoren diese Geduld mit dem ehemaligen Objekt ihrer Begierde aufbringen, erscheint fraglich. Für Ullrich könnte sich jetzt auch die Staatsanwaltschaft interessieren, weil der Gebrauch von Aufputschmitteln auch ein öffentliches Delikt ist. Das Einkommen des Rad-Profis wurde im Vorjahr auf jährlich knapp fünf Millionen Euro taxiert.

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