Jan Ullrich kehrt aus dem Urlaub zurück – und die Telekom berichtet darüber
Der Ölspur folgen

Sehr schön, Jan Ullrich hält sich wieder in Deutschland auf. Die Flucht des gesperrten Radstars ist beendet. Nach einem ersten Lebenszeichen in der Illustrierten "Bunte" tauchte er gestern als Überraschungsgast beim Training des ebenfalls von der Telekom bezahlten FC Bayern auf.

DÜSSELDORF. Freiburgs Taxifahrer erzählen die Geschichte immer wieder gern. Also: Jan Ullrich, ein Kumpel und zwei aufgegriffene Mädels verlassen die Disco "Kagan", die oben im 18. Stock des Bahnhofturms das Jungvolk aus dem Breisgau anzieht und damit wirbt, die höchste Party der Stadt im Angebot zu haben. Ullrich und Anhang passieren den Taxistand, dann startet der Promi seinen schicken Porsche. Ein Wendemanöver endet wenig später dummerweise in einem Fahrradständer. Ganz dumm aber, dass einer der Drahtesel den Wagen so beschädigt hat, dass er Öl verliert. Ullrich setzt die Fahrt fort, steuert ein nahes Hotel an, das Quartett verschwindet in der Herberge. Bis die alarmierte Polizei auftaucht. Die hatte leichtes Spiel: Einfach der Ölspur folgen, Verdächtige stellen, Blutprobe entnehmen, fertig.

Ungefähr so soll es damals in der Nacht zum 1. Mai gewesen sein, und noch immer schütteln Freiburgs Taxifahrer den Kopf über so viel Dummheit. Beim Radstar wurde ein Promillewert von 1,41 ermittelt, der Führerschein war futsch und eine sechsstellige Eurosumme als Geldstrafe dazu. Dann kam die Absage der Tour de France, ein Zug durch diverse Münchner Tanzschuppen, die positive Dopingprobe, eine diffuse Theorie vom unbekannten Mann mit Ecstasy-Tabletten, die sechsmonatige Sperre, das Einfrieren seiner Gehaltszahlungen, die überstürzte Flucht ins Ausland.

Nur Adidas zeigt sich konsequent

Jetzt ist er wieder da. Sein Arbeitgeber, die Deutsche Telekom, teilte auf ihrer Homepage am Wochenende mit, dass das prominenteste Mitglied des firmeneigenen Radteams "seit Samstagnachmittag wieder in Deutschland ist". Angeblich hielt sich der 28-Jährige fünf Wochen in den USA auf - fern der Heimat, fern der bösen Medien, fern von all den Neugierigen und wohl auch fern von neuen Dopingproben.

Doch der ziemlich fatale Sommer 2002, den sein ehemaliger Chef Ron Sommer als Telekom-Boss nicht überlebte, ist noch nicht vorüber. Ullrichs Vertrag mit dem Bonner Unternehmen ruht zwar, entgegen früherer Beteuerungen führte die positive Dopingprobe allerdings nicht zur fristlosen Kündigung. War ja kein richtiger Dopingfall, hieß es sinngemäß.

Auch anderen Sponsoren ist es ganz recht, lieber mit negativen Ullrich-Schlagzeilen als mit gar keinen in Verbindung gebracht zu werden. Die Schwartauer Werke werben weiterhin munter mit Ullrich, um den Verkauf von Müsli-Riegel anzukurbeln. Allein Adidas zeigte sich konsequent, kündigte den laufenden Kontrakt, nahm so noch einen finalen Werbeeffekt mit und ließ den Vertragspartner so ratlos zurück wie es einst Lance Armstrong tat, als der in Alpe d?Huez den Deutschen zum Statisten degradierte.

Andere Zeiten - anderes Medienverhalten

In solchen Momenten ist der Radprofi Ullrich auf sich allein gestellt, und im Prinzip ist es genau das, was dem einstigen Tour-Helden nicht behagt. Wer die Öffentlichkeitsarbeit des Telekom-Teams über Jahre verfolgt hat, weiß, dass sich hier keine Selbständigkeit entwickeln konnte. Aus der DDR stammende Ex-Sportler koordinieren die Medienarbeit. Einen davon, den jetzigen Pressesprecher Olaf Ludwig, bezeichnet Ullrich als Vorbild. Dass hier eher abgeschottet wird und weniger veröffentlicht, davon können langjährige Berichterstatter ein Lied singen. Die FAZ machte in Sachen Ullrich gar ein peinliches "Babysitter-System" aus.

Einzelinterviews gab der jetzige Wahl-Schwarzwälder und ehemalige DDR-Bürger nur selten, die Telekom und insbesondere Manager Wolfgang Strohband verwiesen gebetsmühlenartig auf das üppige Trainingsprogramm des Radlers. Zuletzt jedoch meldete er sich in der Illustrierten "Bunte" zurück - ein Indiz, in welcher Rubrik sich der gefallene Star mittlerweile ansiedelt.

Dennoch wirkte es meist so, als wenn der bei öffentlichen Auftritten arg schüchterne Wein-Liebhaber Ullrich möglichst durchgehend im Telekom-Käfig gehalten werden sollte. Wenn immer sich die Tore öffneten, fürchteten die Aufpasser Ungemach. Das traditionelle Trainingslager im Januar auf Mallorca, zu dem stets auch Medienvertreter eingeladen wurden, trieb den Verantwortlichen bisweilen Schweißperlen auf die Stirn. Vor allem dann, wenn mal wieder gerade über Doping diskutiert wurde und die latente Gefahr bestand, dass der bis dahin als Saubermann fungierende Ullrich Falsches von sich geben könnte.

Die Probleme des Jan U. sind vielfältig

Dann saß der Protagonist der durchaus erfolgreichen Telekom-Radsporthistorie im Hotel "Valparaiso Palace" im tiefen Polstermöbel, gab den Journalisten bei einer kurzen Fragerunde wacklige Antworten und fühlte sich erst wieder besser, als der Spuk vom Pressesprecher beendet wurde. Ullrich ein Star? Ein Weltstar? Wohl nur in den Waden und in der Lunge.

Der Mann hat Probleme. Keine finanziellen, die Millionen der vergangenen Jahre sollten vorläufig reichen. Aber persönliche und berufliche. Und private. Zumindest dann, wenn man den Freiburger Taxifahrern Glauben schenken darf. Lebensgefährtin Gaby soll verständlicherweise wenig glücklich darüber gewesen sein, dass ihr Jan in weiblicher Begleitung statt der Zweirad-Pedale allzu forsch das Porsche-Gaspedal betätigte. "Die Gaby kommt vom Kaiserstuhl. Die Frauen dort kennen in dieser Hinsicht kein Pardon. Wenn der Jan da heil rauskommt, hat er verdammt viel Glück gehabt", erklärt einer der Chauffeure. Sollte sich in dieser Beziehung etwas tun, wird uns der Boulevard darüber gewiss informieren.

Unterdessen lesen sie alles Wissenswerte über Ullrichs weitere Urlaubspläne unter www.team-telekom.de.

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