Jan Ullrich träumt von unverändert hohem Gehalt
Der Weltstar aus dem Gasthof

Die Radsport-WM in Zolder läuft. Ohne den gesperrten Jan Ullrich. Der ehemalige Telekom-Star sucht nach einem neuen Arbeitgeber und dürfte ihn in Dänemark gefunden haben.

DÜSSELDORF. Offenbar hatte Jan Ullrich in diesem Jahr sehr viel Zeit. Wer sich seine Homepage im Internet anschaut, findet in seinem Terminkalender wenig bis nichts. Von Februar bis November heißt es: "Keine Termine eingetragen." Für Dezember lautet der Eintrag: "test". Lediglich für Januar 2002 wird die Katar-Rundfahrt aufgeführt, wo der 28-Jährige Vierzehnter wurde. Nicht viel für den Superstar des deutschen Radsports.

Dabei hatten es die vergangenen Monate in sich. Allein schon wegen der Spritztour mit Alkohol im Blut, per Porsche ging?s munter in den Fahrradständer. Und noch viel mehr wegen der naiven Doping-Disco-Affäre, per Pille ging?s in die sechsmonatige Sperre.

Inzwischen steht fest, dass er das Team Telekom verlässt. Und es steht wohl auch fest, dass die Wertschätzung des gestrauchelten Pedaleurs in der Branche noch immer vergleichsweise hoch ist. Die Faszination an einer Person, die ungeachtet geringer Medienpräsenz außerhalb der Tour-Wochen und eher bescheidener medialer Qualitäten zum Helden aufstieg, hat erstaunlicherweise kaum nachgelassen. Auch und gerade bei potenziellen neuen Arbeitgebern. So meldeten die deutschen Teams Coast und Gerolsteiner sowie der dänische Rennstall CSC Tiscali ihr Interesse an.

Ullrichs Manager Wolfgang Strohband - ein netter, aber bisweilen gegenüber Medien misstrauischer Ex-Autoverkäufer aus Hamburg - bestätigt Kontakte zu diesen Teams und spricht von einem weiteren, nicht genannten internationalen Rennstall. In der Öffentlichkeit und für die weiteren Verhandlungen macht es sich schließlich immer gut, wenn die Nachfrage groß erscheint. Strohband dürfte aber auch wissen, dass es bei einem Wechsel zu einem ausländischen Team nie wieder so sein wird wie früher. Ullrich könnte für die deutschen Radsport-Fans ohne Telekom-Trikot jedenfalls weniger interessant sein.

Unterdessen hat Rolf Gölz, einer von drei sportlichen Leitern beim Team Gerolsteiner, seine Hoffnungen begraben. Die Gründe: Ullrich passe nicht ins neue Konzept des Teams, das ganz auf den italienischen Neuzugang Davide Rebellin ausgerichtet sei. Darüber hinaus sei man bei Gerolsteiner eher interessiert an Erfolgen bei Eintagesrennen. Im Falle einer Tour-Teilnahme wolle man sich nur auf Etappensiege konzentrieren und nicht um das Gelbe Trikot mitfahren - nichts für den Olympiasieger. Mit ihm selber habe man nur ein Gespräch im Juli geführt, aber nie über Geld geredet, so Gölz. Der Sponsor sei sowieso nicht von einer Verpflichtung des Merdingers begeistert gewesen und verfüge auch nicht über ausreichend Geld.

Ein Schnäppchen ist Ullrich, der bei der Telekom 120 000 Euro monatlich verdient haben soll, schließlich nach wie vor nicht. Angeblich soll der Weltstar weiterhin ähnliche Größenordnungen verlangen. Manager Strohband meint zögerlich, dass es unter Umständen auch etwas weniger sein könne. Dennoch verwundert es nicht, dass manche Teams das finanzielle und sportliche Risiko des verletzungsanfälligen und zum Übergewicht neigenden Ullrich scheuen. Anders bei Coast. Dieser Rennstall würde gerne, sieht aber keine Chance zur Ullrich-Verpflichtung. Bei der aktuell auf Platz sieben der Weltrangliste liegenden und damit zur Zeit besten deutschen Mannschaft ist die Teilnahme an der Tour de France 2003 erstaunlicherweise fest eingeplant. Aber eben ohne Ullrich.

Daher geht die Radsportszene mehr und mehr davon aus, dass der aus dem DDR-Sport hervorgegangene Sportstar bei seinem Kumpel Bjarne Riis unterkommt. Der ist mittlerweile Sportlicher Leiter bei CSC Tiscali, einem dänischen Team. "Im Normalfall geht Jan zu CSC. Die Freunde Riis und Ullrich werden sich einig", glaubt Coast-Manager Marcel Wüst - und nicht nur der.

In Dänemark läuft die Planung in der Tat auf vollen Touren. CSC-Pressesprecher Brian Nygard bestätigt das große Interesse. Jan Ullrich passe sehr gut zur Teamphilosophie, die ebenfalls auf Eintagesrennen und große Rundfahrten ausgerichtet sei. Dass CSC-Mannschaftskapitän Laurent Jalabert seine Karriere nach Ablauf dieser Saison beenden will, kommt den Planungen entgegen. Nygard lässt keine Zweifel aufkommen: "Wir wollen Jan und er will zu uns."

Strohband bestätigt, dass CSC aus sportlicher Sicht das richtige Team sei. Und aus finanzieller? Nun, daran wird derzeit gearbeitet - die dänische Post oder ein anderes großes Unternehmen soll das Gehalt von Herrn Ullrich als Sponsor übernehmen. Ob es aber so erstrebenswert ist, mit einem derzeit noch Gesperrten zu werben?

Während Strohband momentan alle Hände voll zu tun hat und die Ex-Kollegen wie Zabel in diesen Tagen bei der Weltmeisterschaft im belgischen Zolder um Medaillen strampeln, steht für Jan Ullrich mal wieder nichts im Terminkalender der eigenen Homepage. Dafür ist wenigstens die Letterbox gefüllt. Jens zum Beispiel, "Freizeitrennradler beim RV Endspurt Hamburg", wünscht alles Gute und rät, "aufs Knie Acht zu geben".

Wird er sicher tun, der gute Jan. Die Fans haben ihn schließlich nicht vergessen und werden weiter an den Gasthof Erich Keller in 79291 Merdingen schreiben. Ullrichs offizielle Autogrammadresse. Passt so gar nicht zur großen weiten Radsportwelt. Aber zu "Ulle".

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