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Japan: Mit 51 zu alt für den Job

Yoshio Takano hatte die Anfeindungen satt. Er verdiene zu viel und leiste zu wenig, bekam er von seinem Chef zu hören. Da schmiss er seinen Job als Verkäufer hin.

afp TOKIO. Als Yoshio Takano in die Knie ging, hatte er den Gängeleien und Anfeindungen seines Chefs drei Jahre lang die Stirn geboten. Nun konnte er nicht mehr: Nach 28 Berufsjahren gab er mit 51 Jahren seine Anstellung als Verkäufer von Kantinenzubehör auf, um für sich und seine Familie einen Rest an Lebensqualität zu retten. Statt der bisherigen 5,6 Mill. Yen (43 100 Euro) Jahresgehalt bringt Takano jetzt nur noch halb so viel nach Hause. Sein Arbeitslosengeld beläuft sich auf 240 000 Yen (1 846 Euro) im Monat. Kaum genug für eine vierköpfige Familie, die in Tokio lebt. Und auch diese spärliche Einkommensquelle wird im kommenden Jahr versiegen, denn der Anspruch auf Arbeitslosengeld gilt in Japan maximal 330 Tage.

Yoshio Takanos Hemd wirkt verschlissen, seine Hose billig. "Wir versuchen, unsere Lebenshaltungskosten soweit wie möglich zu drücken", sagt der Familienvater. Ausflüge, teure Restaurantbesuche, schicke neue Kleider, Abende in der Karaoke-Bar oder Karten für das Pferderennen sind jetzt nicht mehr drin. Allein die Studiengebühren seines jüngsten Sohnes verschlingen 40 % der Familieneinkünfte, für die Miete gehen 45 % drauf. Da bleibt kaum Spielraum.

Nach den am Freitag veröffentlichten Zahlen stieg die Zahl der Arbeitslosen in Japan im November auf den Rekordwert von 3,5 Millionen. Damit liegt die Arbeitslosenquote nun bei 5,5 %, so hoch wie nie zuvor. Allein 130 000 Männer zwischen 45 und 54 Jahren verloren seit November 2000 ihren Job - und das, obwohl Entlassungen in der weltweit zweitgrößten Volkswirtschaft arbeitsrechtlich eigentlich nicht durchzusetzen sind. Im Idealfall werden die Umstrukturierungsmaßnahmen deshalb mit Abfindungen für die Betroffenen versüßt, im schlimmsten Fall werden Mitarbeiter mit psychologischer Kriegführung zur Kündigung gezwungen.

Yoshio Takano ist nicht der Einzige, den das letztere Schicksal traf. "Ich konnte nicht mehr", erinnert sich der Verstoßene. "Mein Chef sprach fortwährend in Gegenwart meiner Kollegen davon, dass ich zuviel verdiene und für mein Geld zu wenig leiste." Seine Familie habe die Entscheidung für die Kündigung schließlich mitgetragen, sagt Takano. Schließlich hätten seine Frau und seine beiden Söhne mitverfolgt, wie sehr ihn die Problemen in der Firma bedrückten.

Trotz seiner bitteren Erfahrung hat Takano noch nicht aufgegeben. Zum Einen ringt er noch mit seinem ehemaligen Arbeitgeber um eine angemessene Abfindung. Zum Anderen engagiert er sich gemeinsam mit 400 anderen Arbeitslosen ehrenamtlich in einer Gewerkschaft, die Arbeitslosen in der Auseinandersetzung mit ihren früheren Arbeitgebern den Rücken stärkt. Außerdem hat sich Takano bei der Arbeitsvermittlung "Hello Work" für einen Informatik-Kurs eingeschrieben. In seinem früheren Beruf hätten ihm Computerkenntnisse wenig genutzt, sagt der Familienvater. Jetzt muss er einsehen, dass ihm die Agentur ohne das Informatik-Zertifikat keinen Job vermitteln kann. Allerdings macht die jüngste Entlassungswelle in der Elektronikindustrie nicht gerade Hoffnung, dass Takanos berufliche Zukunft im Bereich der High-Tech-Industrie liegen wird.

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