Jean-Marie Messier ist Chef von Vivendi Universal
Messier: Der selbstverliebte Firmenjongleur

Vom Vorzeigemanager zum Buhmann: Am Mittwoch will Messier seinen Aktionären erklären, wie Vivendi wieder aus den Schlagzeilen kommt, die meist ihn selbst betreffen.

PARIS. Mittelgroß, klare Augen, ein gewinnendes Lächeln: Jean-Marie Messier hat jenes sympathische Gesicht des Jungen von nebenan, das in TV-Serien, Spiele-Shows und Reality-TV gerne genommen wird. Und seit der Vorstandschef 1998 seinen langweiligen Versorger Générale des Eaux in Vivendi umbenannt und zum Medienkonzern umdefiniert hat, entwickelte er auch eine gewisse Kameraroutine. So hätte es in Paris niemanden gewundert, wenn Messier in die Kulissen der Sendung "Loft Story" eingezogen wäre, der französischen Version von "Big Brother".

Als aber kürzlich die zweite Staffel der Übertragungen aus dem Loft begannen, war Messier ohnehin indisponiert. Eine Meute aus enttäuschten Aktionären, düpierten Aufsichtsräten, ehrgeizigen Analysten und Reportern auf Trophäenjagd schnappte wütend nach seinen Rockschößen. Kein Gedanke also an fröhliche Fernsehauftritte.

Vielmehr beschloss der französische Chef des größten privaten Arbeitgebers in Frankreich, nicht mit seiner Frau und seinen fünf Kindern nach Colorado in Urlaub zu fahren. Er verließ seine 17,5 Millionen Dollar teure Firmenwohnung in Midtown Manhattan und jettete zum Krisenmanagement nach Paris. Dort hat er ein Büro mit Blick auf den Arc de Triomphe, das er aber nach seinem Umzug an den Hudson vor einem Jahr zum Befremden selbst von Staatspräsident Jacques Chirac kaum noch benutzt.

Fast zwei Wochen brauchte er, um enttäuschte Freunde in Politik und Business zu beschwichtigen, seinen Gegnern den Wind aus den Segeln zu nehmen, Kritiker im eigenen Haus zu feuern und die Gerüchte in Paris und London zu zerstreuen, er müsse bald seinen Hut nehmen. Schon vor der Hauptversammlung, die heute Abend im Pariser Show-Tempel "Zenith" über die Bühne geht, musste Messier bittere Pillen schlucken.

"Ich gebe zu, dass ich in der letzten Zeit die Kommunikation zu sehr auf mich konzentriert habe", gestand er reumütig bei einer improvisierten Pressekonferenz im Vivendi-Hauptquartier. Der 45 Jahre alte Messier, dessen selbstverliebte TV-Auftritte vom Vivendi-Aufseher und hoch angesehenen früheren Société-Générale-Boss Marc Viénot als "geradezu kindisch" gebrandmarkt worden sind, will demnächst seltener auf dem Bildschirm und in Farbstrecken von Magazinen auftauchen.

Die Geduld der Aufsichtsräte und Investoren erkaufte er sich unter anderem mit dem Versprechen, seine Aktienoptionen nicht anzurühren, bis der Vivendi-Kurs wieder bei 60 Euro stehe. Derzeit dümpelt die Aktie bei 40 Euro, was das überwiegend in Streubesitz befindliche Unternehmen anfällig für Übernahmeversuche und quicke Spekulanten macht. Zudem dürfte der Vivendi-Chef, der bisher nach Belieben schalten und walten konnte, eine deutlich verschärfte Kontrolle durch seine Aufsichtsräte akzeptiert haben.

Seit 1999 hat der gelernte Investment-Banker Messier in atemberaubendem Tempo ein Kommunikations- und Medienreich zusammengerafft. Er sackte den Bezahlfernsehsender Canal Plus ein, biss sich aus Havas die Verlagssparte heraus, schmiedete mit dem britischen Mobilfunkriesen Vodafone das Internet-Portal Vizzavi, brachte über eine Fusion mit Seagram Hollywood-Studios und US-Musikverlage unter seine Kontrolle und kaufte sich schließlich in einen US-Schulbuchverlag sowie in US-Kabelnetzwerke und TV-Stationen ein.

Investierte er anfangs noch in die traditionsreiche Versorgersparte, schob er während des Internet-Booms immer mehr Schulden auf das grundsolide, inzwischen aber mit Verpflichtungen überladene Geschäft ab. Auch die Mediensparte ist nicht mehr schuldenfrei, wie er es noch vor Jahresfrist versprochen hatte. Messiers Imperium zählt über 3 000 Firmen. Außer ihm und seiner rechten Hand Eric Lecoys überblickt kaum jemand mehr den Vivendi-Konzern im Detail.

Während dieses halsbrecherischen Ritts gingen so manche Freundschaften entzwei. So zog sich Edgar Bronfman Jr., Partner beim Seagram-Deal, bald aus seiner Funktion als Frühstücksdirektor bei Vivendi zurück. Zuvor hatten Differenzen um den richtigen Kurs schon die Männerfreundschaft mit dem Fernsehpionier Pierre Lescure in Mitleidenschaft gezogen, den Messier schließlich vorige Woche schasste.

Auch mit Bertelsmann-Boss Thomas Middelhoff verdarb es sich Messier. Beide Familien kannten sich gut. Ein Kind des Deutschen war längere Zeit im Anwesen der Messiers bei Rambouillet zu Gast. Doch unverhofft kickte Messier den Mann aus Gütersloh aus dem Kreis der Vivendi-Aufseher. Angeblich hatte Middelhoff Messiers Poker mit Vodafone kritisiert, dem der Traditionskonzern Mannesmann zum Opfer fiel.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%