Jean-René Fourtou ist neuer Chef von Vivendi Universal
Fourtou: Medizinmann ohne Rezept

Er soll beim Glamour- und Versorgerkonzern Vivendi Universal retten, was zu retten ist. Jean-René Fourtou gilt als erfahrener Sanierer. Doch seine Chancen stehen nicht gut.

PARIS. Mit der Übernahme des Vorstandsvorsitzes bei Vivendi Universal hat Jean-René Fourtou auf einem Schleudersitz der besonderen Art Platz genommen. Eigentlich ist schon klar, dass dessen Treibsatz ihn früher oder später aus dem Cockpit katapultieren wird. Denn derzeit sieht es nicht danach aus, dass sich Vivendi Universal ganz retten oder aber in geordneten Bahnen zerlegen lassen wird - eher ist wohl eine Bruchlandung zu befürchten.

Fourtou scheint das geahnt zu haben. Sein Vertrag bei dem Unternehmen läuft nur über sechs Monate. So kann der 63-Jährige passend zum nächsten Ultimo regulär seinen Abschied nehmen. Und das ist wohl weise. Denn nach allem, was sich bisher abzeichnet, wird der Jahresabschluss 2002 für Vivendi Universal fürchterlich werden. Die Krise des Mischkonzerns, der von Fernsehshows, Videospielen und Schallplatten über Schulbücher, Mobilfunk und Fernsehstudios bis hin zu Wasserleitungen, Kläranlagen und Mülldeponien so ziemlich alles im Angebot hat, was der Mensch braucht, ist enorm.

Selbst engere Mitarbeiter Fourtous sind sich nicht sicher, ob dieser das Ausmaß seiner neuen Aufgabe voll überblickt hat, bevor er Axa-Gründer Claude Bébéar das Jawort für den Job gab und sich vom Vivendi-Aufsichtsrat wählen ließ. "Warum tut Fourtou sich das bloß an?" rätselt einer, der ihn kennt. Aus Patriotismus? Der Blattschuss für den schillernden Vivendi-Boss Jean-Marie Messier war schließlich ein Wunsch von Präsident Jacques Chirac.

Zwar steht Fourtou eher Chiracs Vorgänger und politischem Rivalen Valéry Giscard d?Estaing nahe. Doch Auszeichnungen wie die als Offizier der Ehrenlegion verpflichten Fourtou mehr, als dies ein Bundesverdienstkreuz in unseren Landen wohl täte.

Doch das Stichwort lautet vor allem: Bébéar. Fourtou gehört seit langem zu dem engeren Kreis des Netzes, mit dem der Versicherungspapst die französische Wirtschaft überzogen hat. Als einziger Top-Manager dieses Netzes war Fourtou sofort verfügbar, als sich Bébéar auf die Suche nach einem neuen Vivendi-Spitzenmann begab.

Heimat verpflichtet

Fourtou ist die Position in der Nähe Bébéars, der in den Verwaltungsrat von Vivendi berufen wurde, augenscheinlich einiges wert. Vor drei Jahren, auf dem Höhepunkt der Fusion von Rhône-Poulenc und Hoechst, fand Fourtou noch genug Zeit, um im Aufsichtsrat des Versicherers Axa Platz zu nehmen. Die Kontakte der beiden Männer reichen weit zurück. Beide sind Absolventen der Elitehochschule Polytechnique. Beide leugnen ihre Heimatverbundenheit nicht: Sie stammen aus dem Südwesten Frankreichs, Fourtou aus Libourne, Bébéar aus einem Ort an der Dordogne. Die Küche der Region, schwere Gerichte, die mit gehaltvollen Rotweinen heruntergespült werden, macht Fourtou und Bébéar zu Gaumenfreunden.

Doch wesensmäßig sind die beiden grundverschieden: Fourtou ist der intellektuelle Zauderer, ein Konsensmensch, der Führung stets auch als soziale Aufgabe begreift. Er hat nichts von der Attitüde des Machers und Machtmenschen, die Bébéar auszeichnet. Während dieser zur Entspannung in Afrika Elefanten jagt und die schönsten Stoßzähne in seinem Büro aufrichten lässt, bevorzugt Fourtou das Flair von Paris und das von Golfplätzen. So berichten Aventis-Mitarbeiter, dass sich Fourtou mit der Umsiedlung ins elsässische Straßburg nie hat anfreunden können und jede Gelegenheit zu Aufenthalten in Paris genutzt habe. Sein neuer Job gibt ihm ein gutes Alibi für den Rückzug aus der Provinz.

Doch ist es nicht nur nur die alte Verbundenheit und die sich ergänzende Rollenverteilung mit Bébéar, die Fourtou den riskanten Job eingetragen haben. Er hat in 23 Jahren bei der Beraterfirma Bossard Kontakte in die angelsächsische Geschäftswelt geknüpft. Und bei der Integration der beiden Pharma-Unternehmen Rorer und Fisons hat Fourtou den Umgang mit angloamerikanischen Empfindlichkeiten gelernt. Ohne diese Erfahrung wäre er chancenlos, sich mit den Vertretern der heillos zerstrittenen Familie Bronfman auf eine Zukunft für Vivendi Universal zu einigen.

Kritiker haben dem Pharma-Manager angekreidet, dass er keine Erfahrung im Mediengeschäft habe. Das ist aber zunächst kein Manko. Er muss jetzt vor allem die vielen Finanzlöcher stopfen. Bis sich der Vivendi-Medizinmann um die Details im Mediengeschäft kümmern kann, werden Monate vergehen.

Vita

Jean-René Fourtou, geboren 20. Juni 1939 in Libourne/Gironde, beendet 1963 die Elitehochschule Polytechnique in Paris und startet seine Karriere bei der Unternehmensberatung Bossard. Nach deren Börsengang wird er 1979 Vorstandschef. 1986 wechselt er an die Spitze des Chemie- und Pharmakonzerns Rhône-Poulenc, der 1999 mit Hoechst zu Aventis fusioniert. Er wird stellvertretender Aventis-Vorstandschef. Im Mai dieses Jahres zieht er sich auf den stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitz zurück. Seit dem 3. Juli ist er Chef von Vivendi Universal.

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