„Jeden Euro drei Mal umdrehen“
Harter Winter für Bundesligisten

Viele Fußball-Bundesligisten stehen vor einem harten Winter. Nach Jahren scheinbar unbegrenztem Umsatz-Wachstums, explodierender Spielergehälter und steigender TV-Einnahmen hat die Wirtschaftskrise in diesem Jahr nun auch die deutschen Proficlubs erwischt.

HB/dpa HAMBURG. Seit der Kirch-Pleite im Frühjahr und TV-Mindereinnahmen von 70 Mill. ? sind Insolvenz, Rezession, Stellenabbau und Arbeitslosigkeit zu gängigen Vokabeln in der Bundesliga geworden. Von spektakulären Transfers und Ablöserekorden spricht niemand mehr. Sparen steht ganz oben auf der Agenda in der Winterpause. Gehaltsreduzierung, Prämienkürzungen und die Verkleinerung der Kader sind keine Tabuthemen mehr. Auf 600 Mill. ? werden die Schulden der 36 Proficlubs geschätzt.

"Wir müssen jeden Euro drei Mal umdrehen", sagt Präsident Karl- Heinz Wildmoser vom TSV 1860 München. Was er sagt, gilt für die meisten Vereinschefs. Jüngsten Erhebungen zu Folge sollen die 18 Erstligisten durchschnittlich mit 24 Mill. ? verschuldet sein. In Fällen von Misswirtschaft wie beim 1. FC Kaiserslautern ist der Schuldenstand weit höher. In der 2. Bundesliga sieht die Lage für viele Clubs wie beim Karlsruher SC, dem SSV Reutlingen oder dem SV Waldhof Mannheim ebenfalls bedrohlich aus.

Wolfgang Holzhäuser, Finanzchef bei Bayer Leverkusen und Mitglied im Vorstand der Deutschen Fußball-Liga (DFL), sagte schon im November, dass "der Tag nicht mehr fern ist, da hier und da akute Zahlungsprobleme drohen". Dennoch glaubt er: "Die Bundesliga ist ein ungebrochen starkes Produkt. Das werthaltigste, das ich kenne." Auch DFL-Aufsichtsratschef Werner Hackmann ist überzeugt: "Es gibt keine Krise und auch kein Chaos, sondern eine ernste Lage, auf die sich die Vereine einstellen müssen." Beide schlagen den Vereinen vor, die Grundgehälter zu senken zu Gunsten der Leistungsprämien.

Einige Clubs versuchen bereits, ihre kickenden Angestellten zu einem Gehaltsverzicht zu bewegen. Eine rechtliche Handhabe haben die Arbeitgeber nicht. Die Verantwortlichen des FC Energie Cottbus bemühen sich seit Wochen um eine Verständigung mit ihren Profis über eine Gehaltsreduzierung. Ein erster Anlauf, das Salär um 20 % zu kürzen, wurde von den Spielern abgelehnt. Nun deutet sich eine Einigung bei acht Prozent Einbuße an. Kommt es nicht zu einem Übereinkommen, drohen dem Bundesliga-Letzten nach Ansicht von Manager Klaus Stabach schon bald Zahlungsprobleme.

Der VfB Stuttgart, offiziell mit 16,6 Mill. ? belastet, zahlte im ersten Teil der Saison nur einmal Prämien an die Spieler aus. Für das Erreichen des Achtelfinals im UEFA-Pokal gab es 7000 ? für jeden Akteur. Durch die Erfolge im Europacup nahm der Verein zudem rund 2,5 Mill. ? ein. Die Forderung nach Gehaltsverzicht des am Mittwoch entlassenen Sportdirektors Rolf Rüssmann wurde von den Spielern abgelehnt. Talente wie Kevin Kuranyi haben ohnehin niedrige Grundgehälter.

Auch die Profis des 1. FC Nürnberg müssen sich mit weniger Prämien begnügen. Auf rund 50 % verzichten die Spieler. Und selbst Branchenprimus Bayern München denkt nach seinem Aus in der lukrativen Champions League ans Sparen. "Den Spielern fehlt dieses Jahr gegenüber einem sehr erfolgreichen Jahr wahnsinnig viel Geld", sagte Manager Uli Hoeneß. Die Jahresleistungsprämien seien nach Einsätzen gestaffelt. Wenn ein Spieler statt 25 nur 21 Spiele bestreitet, verliert er 20 % - rund 100 000 ?. "Es tut weh, aber zum Sozialfall wird keiner", meinte Hoeneß.

Beinahe jeder Verein der 1. Bundesliga will seinen Kader reduzieren. Im Schnitt will jeder Club drei Spieler abgeben, schätzt Bayer-Manager Reiner Calmund. Das wären 54 Profis, die sich auf die schwierige Suche nach einem Arbeitgeber machen müssen. Das Angebot an Fußballern wird immer größer.

Im Vergleich zum europäischen Ausland ist die Lage der Bundesliga allerdings noch entspannt. In Italien wird die Verschuldung auf 2,5 Mrd. ? geschätzt. Lazio Rom ist nicht der einzige Traditionsverein, der vor dem Aus steht. In Belgien hat es den früheren Europapokalsieger KV Mechelen in den Abgrund gerissen. Die Pleite des TV-Senders ITV hat in England etliche zweit- und drittklassigen Proficlubs an den Rand des Ruins getrieben.

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