Jeder Zweite wünscht sich Telearbeit, aber nur wenige Unternehmen bieten sie an
Telearbeit: Der Kunde ist der Richtwert

Wieder mal im Stau, wieder mal den Zug verpasst, wieder die totale Hetze... Wer kennt diese Ärgernisse nicht, die alltäglich den Weg ins Büro verzögern können? Telearbeiter!

DÜSSELDORF. Sie stolpern aus dem Bett und von dort aus durch die Küche an den Schreibtisch - gleich ins heimische Arbeitszimmer. Zumindest zwei, drei Tage in der Woche. Diese mobilen Arbeitnehmer sind über PC und Telefon mit ihrem Unternehmen verbunden und entscheiden frei, wann sie beginnen, wann sie Pausen machen.

Der Kunde ist der Richtwert, nicht der Chef. Dadurch haben sie größere Gestaltungsfreiheiten in ihrer Tätigkeit als ihre Kollegen im Unternehmensbüro, sind motivierter und letztendlich produktiver.

Doch diese positiven Aspekte erkennen bisher nur wenige Arbeitgeber. Trotz großer Nachfrage nach Telearbeitsplätzen kommen nur wenige Unternehmen den Wünschen ihrer Beschäftigten nach. Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie des Internetdienstleisters Nextra wünschen sich 61 Prozent aller befragten Führungskräfte aus klein- und mittelständischen Unternehmen eine dezentrale und flexible Form des Arbeitens.

2,5 Millionen Telearbeiter gibt es heute in Deutschland - sechs Prozent aller Erwerbstätigen. Diese Zahl beinhaltet Mitarbeiter, die ausschließlich von zu Hause arbeiten, und alternierende Telearbeiter, die teils von zu Hause, teils im Unternehmen arbeiten, um den Kontakt zu ihren Kollegen zu wahren. Es sind hauptsächlich größere Unternehmen, die Telearbeit anbieten: Zwei Drittel aller europäischen Unternehmen, die Heimarbeitsplätze schaffen, haben mehr als 500 Beschäftigte.

Viele Arbeitgeber fürchten, dass sie durch die räumliche Trennung die Kontrolle über ihre Angestellten verlieren. Nach dem Prinzip "wen ich nicht sehe, kann ich nicht führen" sträuben sich gerade unmittelbare Vorgesetzten gegen Telearbeit. Vor diesem Hintergrund hat auch der Medienkonzern Bertelsmann von dieser Arbeitsform Abstand genommen. Es gebe nur vereinzelt Telearbeitsplätze, teilt eine Unternehmenssprecherin auf Anfrage des Handelsblatts mit. "Man braucht feste Arbeitszeiten, die über die Distanz jedoch schwer zu kontrollieren sind."

Die Deutsche Telekom will mit gutem Beispiel voran gehen: 15 000 Telearbeiter, überwiegend aus dem Vertrieb, arbeiten so mobil, dass sie keinen Schreibtisch mehr im Konzern haben. Die alternierenden Telearbeitsplätze sind dagegen rar: 750 Angestellte arbeiten teils von zu Hause, teils im Unternehmen - ganze 0,3 Prozent der Belegschaft. An technischen Hindernissen liege es nicht, dass diese Zahl so klein ist, sagt ein Telekom-Sprecher. Vielmehr seien die Barrieren im Kopf der Vorgesetzten schuld.

Beim Softwarehaus SAP wiederum gibt es kaum Telearbeitsplätze. Die Arbeit im Team und die persönliche Kommunikation stünden im Vordergrund, sagt ein Unternehmenssprecher.

Vor dem Verlust der internen Kommunikation durch Telearbeit warnt auch das Gewerkschaftsprojekt Onlineforum Telearbeit: Wer selten oder gar nicht im Büro ist, hat geringere Karrierechancen als stets präsente Mitarbeiter. Er verliert den Kontakt zu Vorgesetzten, kann schlechter auf sich aufmerksam machen oder Netzwerke aufbauen.

Trotz der Risiken gibt es Unternehmen, die das Modell Telearbeit erfolgreich umsetzen. IBM gehört zu den positiven Beispielen. Der Computerkonzern bietet seit 13 Jahren Telearbeit an. Heute nutzen 30 Prozent der Belegschaft - 9 000 Angestellte - diese Möglichkeit. Jeder neue Mitarbeiter bekommt einen Laptop, der ihm das ortsunabhängige Arbeiten ermöglicht.

Beim Technologiekonzern Siemens dürfen die Mitarbeiter fast die Hälfte ihrer Arbeitszeit zu Hause ableisten. Und beim Autohersteller BMW arbeiten etwa 1 000 Beschäftigte als Telearbeiter, überwiegend in der Forschung, Entwicklung und Planung. Die meisten Beteiligten - Arbeitgeber wie Telearbeiter - seien begeistert.

Ulrich Pesch vom Verband Telearbeit Deutschland bringt es auf den Punkt: "Wer einmal Telearbeit gemacht hat, will nicht mehr zurück."

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