Jedes zehnte Kind hat einen anderen Vater als es meint.
Ganz der Papa? - Auf zum Vaterschaftstest

Vaterschaftstests boomen, da sie online so schön anonym sind - und keiner Kuckuckskinder als Erben will.

Ein verschneuztes Papiertaschentuch? Wunderbar, findet Kerstin Thelen. Sie ist Gründerin des ID-Labors. Spezialgebiet: Vaterschaftstests. Denn Nasenschleim besteht fast ausschließlich aus weißen Blutkörperchen. Eine Zigarettenkippe? Ja, auch gut - vorausgesetzt, sie stammt von einem Raucher, der so richtig genussvoll nuckelt beim Qualmen. Wer dagegen mit trockenen Lippen raucht, dessen Kippen geben nicht genug her. Und ein gebrauchtes Pflaster? Prima, jedenfalls wenn getrocknetes Blut dran klebt.

Der Fantasie sind kaum Grenzen gesetzt: Ein einzelnes Haar, Hauptsache es hat noch eine Wurzel. Ein Schnuller vom Säugling oder ein abgeschleckter Lutscher? Geht alles. Selbst ein gekauter Kaugummi oder eine gebrauchte Zahnbürste kann reichen, ermuntert auch Thelens Konkurrent Theo Resnizek von Gen-Test.org.

All diese scheinbar bedeutungslosen oder gar ekligen Dinge werden immer häufiger auf den Postweg gebracht: Zu Laboren wie dem von Thelen, oder zu Vermittlern wie Gen-Test.org oder Lab Test, die ihre Dienste online anbieten. Im Schutz der Anonymität des Internet, preiswert, sicher und schnell, wie die Anbieter versprechen.

Die Peinlichkeit, sich Ärzten oder Apothekern zu offenbaren, entfällt beim Vaterschaftstest im Netz.

Zahlreiche entsprechende Unternehmen tummeln sich inzwischen online: "Das Internet spielt für uns eine große Rolle", erklärt ID-Chefin Thelen. Wer auch immer grübelt, ob ein Kind tatsächlich von ihm sei, ob er selbst ein Kind seiner Eltern, ein Kind auch wirklich sein Enkel oder er der Bruder seiner Geschwister ist - all jene Zweifler können sich dank des weltweiten Netzes leicht Gewissheit verschaffen.

Früher war dies die Domäne gerichtlich bestellter Sachverständiger, heute reichen ein paar Klicks und ein Brief. Vor allem: Die Peinlichkeit, sich mit seinen Sorgen dem Hausarzt oder Apotheker mit Verkäuferin aus der Nachbarschaft offenbaren zu müssen, entfällt. "Drei Viertel der E- Mail-Anfragen sind nicht zurück zu verfolgen", erzählt Thelen. Die Absender nennen sich Meier oder Schulze, haben E-Mail- Adressen wie mami99@yahoo.de.

Bei ID-Labor kostet ein Vaterschaftstest 418 Euro - zu zahlen per Nachnahme, Vorkasse oder Einzugsermächtigung. Die Auswertung und Anfertigung des dazugehörenden Gutachtens - meist drei Seiten - soll bei ID-Labor drei Tage dauern, bei Gen-Test.org zwei Wochen und kostet dort 545 Euro. Gecheckt werden 16 verschiedene genetische Merkmale bei Vater und Kind. Weichen mehr als drei voneinander ab, steht zu 99,9 % fest: die zwei sind nicht miteinander verwandt.

Insgesamt boomen die Tests übers Netz: Im vergangenen Jahr führten die zwei Gründerinnen 3 000 Tests durch, 1999 waren es erst 300. Auch Lab Test in Berlin brachte es auf 1 000 Gutachten im vergangenen Jahr. Und dass solche Fälle an der Tagesordnung sind, beweisen auch Prominente wie Boris Becker, Liz Hurley, Mick Jagger oder Diego Maradonna, der sogar ein fünfjähriges Mädchen auf Druck des Gerichts noch als Tochter anerkennen musste.

Die Zahl der Fälle ist sogar erstaunlich hoch. Jedes zehnte Kind hat einen anderen Vater, als es meint, so lautet zumindest das Ergebnis einer Untersuchung des Briten Robin Baker. 16 Vaterschaftsstudien aus 25 Jahren und mehr als 10 000 Familien in Europa und den USA hatte er unter die Lupe genommen. Kein Wunder, dass ID-Labor oder Lab Test auf eine doppelt so hohe Quote kommen. Bei ihnen landen ja die Fälle, in denen bereits starke Zweifel vorliegen. Beide schließen in jedem fünften Fall die Vaterschaft aus.

Doch was sind die Motive, wegen denen die Menschen scharf auf die Wahrheit sind? "Sie sind wirtschaftlicher Natur", lautet Thelens Fazit. "In bis zu drei Viertel aller Fälle." Letzten Endes gehe es ums Erbe: "Selbst wenn es nur ein Häuschen gibt - es soll keinem als den eigenen Kindern gehören."

Bei immerhin jedem fünften Test ist das Ergebnis negativ: Dann sind Vater und Kind zu 99,9% nicht verwandt.

Die Tests tritt manch einer denn auch nicht ganz freiwillig an. Oft sind es die Großeltern, die ihren Sohn anstacheln. Zum Beispiel, wenn ein Unternehmen zu vererben ist. Manche Eltern fordern: "Ein Test, oder Du wirst enterbt", berichtet die Biologin Thelen von all den Sorgen und Nöten, die ihr im Schutz des Netzes oder am Telefon anvertraut werden.

Beim ID-Labor ließ zum Beispiel ein Vater gleich seine fünf Kinder testen. Alle waren von ihm, berichtet Thelen. Sie erinnert sich auch noch gut an diesen Kunden: Ein älterer Familienunternehmer, der seine Firma der nächsten Generation übergeben wollte - ein Paradebeispiel. Er legte größten Wert auf Diskretion und wollte sich sicher sein, dass keine untergeschobenen Kinder erben. Seine vier Söhne stammten von verschiedenen Müttern, ID-Labor hatte er im Internet gefunden, und die Öffentlichkeit fürchtete er über alles. Auch ein Schwiegervater, der in der "Wirtschaftswoche" von den Vaterschaftstests des ID-Labors gelesen hatte, rief in der Redaktion an, erfragte die Telefonnummer und triumphierte: "Ich habe zwei Schwiegertöchter, denen will ich jetzt einmal auf den Zahn fühlen."

Eine andere Variante, die immer häufiger vorkommt, ist diese: Dass mehrere Geschwister argwöhnen, einer der ihren sei ein Kuckuckskind und dass sie ihn von der Erbfolge ausschließen wollen.

Bittere Enttäuschungen der Kunden erleben die Text-Anbieter häufig: Etliche Väter, die sich dann als unechte entpuppten, hatten jahrelang gehört, wie sehr ihnen das Kind aus dem Gesicht geschnitten sei. Oder die Mutter, deren Ehemann heimlich sich selbst und das Kind getestet hatte: "Die Frau tobte", erinnert sich Thelen. Denn das sei verboten, ohne Wissen der Mutter Tests mit ihrem Kind durchzuführen.

Dies ist denn auch der Kritikpunkt von Deutschlands oberstem Datenschützer Joachim Jacob: Die Gefahr, dass Getestete nichts von dem Check erfahren und die Kunden die Labore und Vermittler schlichtweg betrügen, erscheint ihm zu hoch. Auf den Formularen der Anbieter, direkt online heruntergeladen, ist eine falsche Unterschrift rasch geleistet.

Thelen relativiert: "Keiner macht aus Jux und Dollerei solch einen Test." In aller Regel sei solch einer Untersuchung "viel Leid vorausgegangen". Zudem: Es geht um die Wahrheit. Nicht umsonst gibt es Klagen von Kindern gegen Mütter - da diese den Vater nicht verrieten.

Überraschend: Nicht nur die Kinder selbst wollen wissen, woher sie kommen. Jeder zehnte Auftrag beim ID-Labor kommt von Behörden, meist Amtsgerichte auf Betreiben der Sozialämter. Schließlich wollen sie wissen, wer derjenige ist, für dessen Unterhaltszahlungen sie einspringen und von dem sie Geld zurückfordern können.

Viel schlimmer ist ohnehin, wenn erst kurz vor einer Transplantation im Krankenhaus heraus kommt, dass Vater und Kind nicht blutsverwandt sind. Das hat Thelen in ihrer Zeit an der medizinischen Fakultät der Uni München mehrfach erlebt. Aber dann informieren Ärzte stets nur die Mutter.

Jetzt setzt ID-Labor nicht nur auf Online-Werbung, sondern auch auf Plakate: "Ganz der Papa?" fragt das eine Motiv - und das andere "Sind sie sicher?"

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