Jedes zehnte Unternehmen findet keine Azubis
Ausbildung: Durch jedes Raster

Die Kluft zwischen leistungsstarken und unqualifizierten Jugendlichen wächst. Immer mehr Betriebe bekommen Nachwuchsprobleme.

DÜSSELDORF. Francine Martin steckt in der Klemme. "Wir schaffen es kaum noch, einigermaßen qualifizierte Bewerber für eine Lehrstelle zu finden", klagt die Ausbildungsleiterin des Airport Business Center in Köln. Ahnlich geht es Sabine Roschek, bei der Düsseldorfer Commerzbank für Aus-und Weiterbildung zuständig. Von 43 Ausbildungsplätzen für das nun beginnende neue Lehrjahr sind bei der Bank zehn immer noch unbesetzt. Roschek genervt: "Die Hälfte der Leute, die wir zu Vorstellungsgesprächen einladen, erscheint erst gar nicht, meistens unentschuldigt." Und bei den Teilnehmern an Aufnahmetests gebe es Kandidaten, die "in jedem zweiten Wort einen Rechtschreibfehler machen".

So wie Martin und Roschek geht es derzeit den Personalverantwortlichen in vielen Unternehmen. Auch wenn statistisch gesehen bundesweit erstmals seit drei Jahren wieder mehr Jugendliche einen Ausbildungsplatz suchen als freie Stellen zur Verfügung stehen, müssen in vielen Branchen tausende von Lehrstellen an unterqualifizierte Bewerber vergeben werden - oder bleiben gänzlich unbesetzt. Gut die Hälfte der Unternehmen bemängelt, dass sich das Bildungsniveau der Azubis in den vergangenen Jahren spürbar verschlechtert hat, und jedes zehnte Unternehmen bleibt auf offenen Lehrstellen sitzen. Das hat eine Exklusivumfrage des Münchner Ifo-Institus für die WirtschaftsWoche bei 452 Betrieben ergeben. Bewerbern fehlt es danach nicht nur an grundlegenden Qualifikationen wie Rechnen, Schreiben und Lesen, sondern auch an sozialer Kompetenz, an Teamfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein und Zuverlässigkeit. Und selbst wenn ein Ausbildungsvertrag unterzeichnet ist, bedeutet das für die Betriebe nicht immer Entwarnung in der Nachwuchsfrage: Bei 51 Prozent der befragten Unternehmen kam es vor, dass Azubis - trotz Vertrag - ihre Ausbildung anschließend nicht antraten.

Mit fünf bis sechs Prozent weniger Ausbildungsverträgen als 2001 rechnen Experten der Wirtschaftsverbände in diesem Jahr. Die Hälfte des Rückgangs lasse sich auf die schwache Konjunktur zurückführen, "die andere Hälfte allerdings", so Gregor Berghausen, stellvertretender Geschäftsführer des Bereichs Berufsbildung der IHK Köln, "können wir getrost dem akuten Mangel an qualifizierten Bewerbern zuschreiben."

So sind allein in der Metallindustrie noch 5000 Ausbildungsplätze frei. Die Kreissparkasse Köln sucht in letzter Minute noch mit einer Werbekampagane 25 Interessenten für den Beruf des Bankkaufmanns. Beim Handelsriesen Metro dürften - wie in den Vorjahren - bis zu 300 Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben. Für die Berufe Fachkraft im Nahrungsmittelhandwerk und Fleischer findet das Unternehmen so gut wie keine Bewerber mehr. Und Azubis im kaufmännischen Bereich "müssen wir häufig innerbetrieblich nachqualifizieren", klagt Hans-Friedrich Mayer, Ausbildungsleiter bei Metro in Düsseldorf.

Die Chancen für leistungsschwache Schüler, einen Ausbildungsplatz zu ergattern, sinken mit dem rasanten Fortschreiten der technologischen Entwicklung von Jahr zu Jahr. "Die Randgruppe der Abgehängten wird ständig größer", warnt Klaus Hurrelmann, Mitautor der gerade erschienen Shell-Jugendstudie und Soziologe an der Universität Bielefeld. Hurrelmann geht davon aus, dass inzwischen rund ein Fünftel der Jugendlichen den Anforderungen in Schule und Berufsleben nicht mehr gewachsen ist und Gefahr läuft, auf Dauer an den Rand der Gesellschaft gedrängt zu werden. "Der Bodensatz der Jugendlichen, die auf der Strecke bleiben, nimmt von Jahr zu Jahr zu", hat auch der Kölner IHK-Vertreter Berghausen festgestellt.

Die Kluft zwischen Erfolgreichen und Erfolglosen wird künftig noch größer, denn am oberen Ende des sozialen Spektrums kämpfen Jugendliche engagiert wie nie zuvor für Karriere und Wohlstand. Laut Shell-Studie hat die Bedeutung von Fleiß und Ehrgeiz und der Wunsch nach Macht und Einfluss bei jungen Leuten seit 1987 kontinuierlich zugenommen. "Um die Mehrheit brauchen wir uns keine Sorgen zu machen", resümiert Hurrelmann. "Sie hat das Zeug und den Willen, vorne mitzumischen."

Was aber passiert mit der zunehmenden Minderheit? Das deutsche Bildungssystem habe "noch keine Mechanismen entwickelt, um auch die Jugendlichen am unteren Ende der Bildungsskala mitzunehmen", kritisiert Hurrelmann. Die Versäumnisse, so die einhellige Meinung der Fachleute, liegen in den Elternhäusern und Schulen begründet. "Junge Leute werden in den Schulen nicht mehr angemessen auf das moderne Berufsleben vorbereitet", kritisiert Peter-Werner Kloas, Berufsbildungsexperte beim Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH). Vor allem Jugendliche mit Haupt- und Realschulabschlüssen - früher die klassischen Kandidaten für eine Berufsausbildung - fehle immer öfter das nötige Rüstzeug.

Um leistungsschwächeren Kandidaten dennoch eine Perspektive zu eröffnen, fordern Wirtschaftsvertreter neue Ausbildungsgänge mit weniger theoretischen Inhalten und einer Abschlussprüfung nach zwei Jahren für schwächere Schüler. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag schlägt eine Stufenausbildung vor, bei der nach zwei Jahren entschieden wird, ob die Ausbildung beendet oder auf die vollen dreieinhalb Jahre hochgefahren wird. "Viele Berufe, die früher von guten Hauptschülern zu meistern waren, sind es heute nicht mehr", sagt Barbara Dorn, Expertin für Berufsbildung bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Darüber hinaus machen sich die Personalverantwortlichen in den großen Unternehmen dafür stark, dass in den Schulen wieder sehr viel stärker Ausdauer, Disziplin und Konzentrationsfähigkeit geübt werden müssten. "Auch wenn sich die Zeiten geändert haben", sagt Metro-Ausbildungsleiter Mayer, "im Berufsleben sind diese Fähigkeiten nach wie vor unabdingbar."

Klar ist:Allzu lange darf die Bildungspolitik mit Reformen nicht warten, soll nicht ein wachsendes Bildungsproletariat entstehen, das zu neuem sozialen Sprengstoff führt. Der Trend zur Vereinheitlichung im Bildungswesen hat dazu geführt, dass zu wenig auf individuelle Fähigkeiten eingegangen wird, und so statt mehr Chancengleichheit genau das Gegenteil des Beabsichtigten erreicht wird, so Hurrelmann: "Die ohnehin leistungsschwächeren Jugendlichen sind inzwischen so schwach geworden, dass sie durch jedes Raster fallen."

Matthias Kamp

Quelle: WirtschaftsWoche

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