Jenseits der Adria
Italien baut neue Atomkraftwerke – im Nachbarland

Es war eine Verlautbarung, wie sie typisch ist für die neue Regierung von Silvio Berlusconi: vollmundig vorgetragen, große Geste, große Worte. Ja, man werde wieder in die Atomkraft einsteigen, verkündete vergangene Woche Berlusconis Minister für wirtschaftliche Entwicklung, Claudio Scajola. "Unausweichlich" sei das, ein "Aktionsplan" müsse her, damit die Energiepreise wieder sinken, Atomkraft, ja bitte.

MAILAND . Applaus vom Arbeitgeberverband, Empörung bei Umweltschützern. Die übliche Aufregung eben. Nur wenige Tage später setzt Berlusconi noch eins drauf, denn nun kristallisiert sich heraus, wo genau die Kernenergie produziert werden soll: in Albanien.

Nein, nein, nicht dass Italien beschlossen hätte, Albanien als 21. Region dem eigenen Land anzuschließen. Stattdessen soll der entfernte Nachbar auf der anderen Seite der Adria als Standort für Reaktoren der neuen Generation herhalten und Italien mit günstigem Strom versorgen - Outsourcing der unbeliebten Atomenergie a la italiana.

Schon hat der albanische Premierminister Sali Berisha in einem Interview angekündigt, sein Land sei bereit, Italiens nuklearen Traum zu verwirklichen: "Ich habe darüber noch nicht mit der italienischen Regierung gesprochen, weil die vorherige Regierung gegen Atomkraft war. Aber mit Berlusconi ändert sich alles", sagte der 64-jährige Berisha. Ein italienisches Unternehmen sei bereits nach Albanien gekommen, um die Möglichkeit zum Bau eines Atomkraftwerks zu erörtern, ließ er wissen. "Wir haben noch nicht über den genauen Standort entschieden. Aber wir wissen, dass es ihn geben wird."

Namen nennt er nicht. Aber Italiens Energieunternehmen Enel und Edison haben klargemacht, dass sie bei der Kernkraft "zum Start bereit sind". Die Pro-Atomkraft-Töne aus dem Balkanland lassen den neuen Wirtschaftsminister Giulio Tremonti frohlocken. Er selbst hat Albanien als möglichen Standort für einen Reaktor der vierten Generation ins Spiel gebracht. Eine saubere Lösung, zumindest für Italien. Nach dem Plan der italienischen Regierung soll 2013 der Grundstein für das erste Atomkraftwerk der neuen Generation gelegt werden. Vielleicht in Durazzo.

Wie die Proteste gegen Mülldeponien und Verbrennungsanlagen rund um Neapel zeigen, ist es in Italien nicht leicht, Standorte für unbeliebte Vorhaben zu finden. Selbst umweltverträgliche Projekte wie ein Hochgeschwindigkeitszug in der Valle di Susa im Nordwesten des Landes werden von Bürgerprotesten seit Jahren blockiert. Die Suche nach einem AKW-Standort würde sich da erst recht schwer gestalten.

Italien nämlich hat sich nach dem Gau von Tschernobyl als eines der wenigen Länder weltweit vor zwei Jahrzehnten mit einem Referendum komplett von der Atomkraft verabschiedet. Beobachter machen dafür auch die starke Erdöllobby in dem Land verantwortlich. Schließlich hat Italien mit Eni auf dem Markt einen bedeutenden Spieler, der auch selbst im Ausland fördert. Doch zugleich hat das Land den Ausbau alternativer Energien vernachlässigt und ist heute extrem abhängig von Importen - auch von französischem Atomstrom. Die italienischen Strompreise liegen um 30 Prozent über europäischem Durchschnitt. Die Kernkraft wird daher mittlerweile auch in der Bevölkerung wieder beliebter. Nicht nur Berlusconi, sondern auch sein Gegenkandidat Walter Veltroni von der Demokratischen Partei hatten die Rückkehr zur Kernkraft in ihren Wahlprogrammen stehen.

Aber zwischen dem Wunsch, dank Nuklearenergie Stromkosten zu sparen, und der Vorstellung, ein Atomkraftwerk in der eigenen Nachbarschaft zu haben, liegen Welten. Oder eben das Mittelmeer - wie im Fall Albanien.

Profitieren, so das Kalkül, würden beide Seiten: Die Italiener werden kaum ein Problem damit haben, dass die Reaktoren für ihre Stromversorgung demnächst in Albanien stehen. Und die Regierung in Tirana kann es kaum abwarten, die Investitionen aus Italien in Empfang zu nehmen.

Am liebsten würde Berisha auch gleich den Müll aus Neapel übernehmen. Aber da seien ihm die Hände gesetzlich gebunden. Nach verschiedenen Skandalen hat Albanien den Müllimport verboten.

Vielleicht gibt es für Atommüll eine Ausnahme.

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%