Jess Søderberg ist Chef des Großkonzerns A.P. Møller: Kein Schattenmann

Jess Søderberg ist Chef des Großkonzerns A.P. Møller
Kein Schattenmann

Søderberg leitet den Umbau eines der größten Familienkonzerne Europas - kein leichter Job. Firmenpatriarch Maersk Mc-Kinney Møller wirft lange Schatten.

KOPENHAGEN. Im Zimmer nebenan sitzt er normalerweise: "der Reeder", wie er von den Mitarbeitern fast liebevoll genannt wird. Heute sei er nicht im Haus, geschäftlich unterwegs, betont Jess Søderberg, Chef des dänischen Konzerns A.P. Møller. Doch irgendwie ist Maersk Mc-Kinney Møller doch da. Der nunmehr 89-jährige Aufsichtsratsvorsitzende und Haupteigner eines der größten Familienunternehmen Europas wirft lange Schatten.

Søderberg kann sich ihm nicht entziehen. "Ich treffe ihn täglich. Er ist sehr aktiv, aber er versucht, sich nicht in die tägliche Arbeit einzumischen", sagt Søderberg, der die operative Leitung des Konzerns 1993 von Mc-Kinney Møller übernommen hat. Und er fügt dann mit einem freundlichen Lächeln hinzu: "Und meistens gelingt ihm das." Ein Schattenmann, so viel steht fest, will Søderberg nicht sein.

Auch der Pförtner am Konzernsitz in Kopenhagen, unweit des königlichen Schlosses, bestätigt die nahezu tägliche Präsenz des "Reeders", über den in der Öffentlichkeit wenig bekannt ist. Er komme fast auf die Minute genau um halb neun morgens und verlasse die Zentrale gegen halb Fünf. Dazwischen liegen Sitzungen, Treffen mit Geschäftspartnern und Strategieplanungen für die über 450 Tochterfirmen in über 100 Ländern.

In den vergangenen Monaten hatte der Patriarch viel zu tun, galt es doch, die Strukturen des Konglomerats zu vereinfachen, zu dem die größte Container-Reederei der Welt, Maersk Sealand, gehört. Eine in diesem Halbjahr geplante Fusion der beiden Holdinggesellschaften, D/S Svendborg und D/S 1912, soll den 1904 gegründeten und hoffnungslos verschachtelten Konzern übersichtlicher machen.

Konzernchef Søderberg trägt es mit Fassung, dass die Rede immer wieder auf "den Alten" kommt. Er ist es gewöhnt, dabei kann der drahtige Manager mittlerweile mit eigenen Erfolgen aufwarten. Unter seiner Regie ist die A.P. Møller-Gruppe zu einem der erfolgreichsten Konzerne Nordeuropas aufgestiegen. Er hat die stärkere Konzentration auf das Kerngeschäft Reederei, Werften, Logistik, Öl- und Gasförderung sowie Einzelhandel vorangetrieben. Der Konzern solle in seinen Geschäftsbereichen eine Führungsposition erlangen, sagt er. Gelinge das nicht, müsse man sich von den Underperformern möglicherweise trennen.

Der Vater von vier Kindern lässt keine Zweifel aufkommen, wer in der Zentrale das Ruder heute in der Hand hält. Er trage die Verantwortung, berate sich aber stets mit Mc-Kinney Møller. Auf dessen Erfahrung und Visionen könne er nicht verzichten. Søderberg ist erst der dritte Chef seit der Gründung des Konzerns vor 99 Jahren. Maersk Mc-Kinney Møller ist erst der zweite Aufsichtsratsvorsitzende des Unternehmens. "Ein Zeichen von Stabilität", sagt Søderberg.

Wer wird Nachfolger des Reeders? Das sei noch nicht geklärt, sagt Søderberg. Ganz überzeugend klingt es nicht. An der Börse in Kopenhagen, wo die Holdings notiert sind, munkelt man seit längerem, dass er den Alten irgendwann ablösen werde.

Man würde das begrüßen, habe doch der passionierte Fußball- und Handballspieler bewiesen, dass er viele Bälle gleichzeitig in der Luft halten kann. Obwohl er in dänischen Proficlubs gespielt hat, ist Søderberg aber kein Spielertyp. Er weiß, was er will. Schon als Student an der Copenhagen Business School versucht er sich als Kleinunternehmer mit Weitblick: Er gründet eine Firma, die Autos über ein Datennetz verkauft. Das geht jedoch kräftig daneben. Dann geht er zu Dänemarks schon damals größtem Konzern, A.P. Møller, und macht schnell Karriere. Seit 33 Jahren ist er nun schon dort. Wie viele Beteiligungen die Gruppe weltweit besitzt? "Ich habe auch nicht den genauen Überblick", sagt er, und man weiß nicht, ob es nur eine ähnlich vornehme Zurückhaltung ist, die schon den Reeder ausgezeichnet hat.

Doch Ende vergangenen Jahres gestattete Mc-Kinney Møller einen Einblick in seine Vermögensverhältnisse: Seine Familie und er kontrollieren direkt und über Stiftungen rund 60 Prozent des Konzerns, dessen Wert auf rund 27 Milliarden Euro geschätzt wird. Mc-Kinney Møller soll etwa ein Zehntel aller dänischen Aktien besitzen. Dazu merkt Søderberg an: "Die Familienstiftung besitzt genug, um eine feindliche Übernahme zu verhindern."

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VITA

Jess Søderberg wird 1944 geboren. Nach dem Studium an der Copenhagen Business School fängt er 1970 in Dänemarks größtem Konzern an, bei A.P. Møller. Für das Unternehmen geht er in die USA. Zurück in Dänemark, bekleidet er eine Reihe verschiedener Funktionen im Konzern. Später steigt er zum Chief Financial Officer auf. 1993 wird er zum Konzernchef berufen. Heute gilt Søderberg als möglicher Kandidat für die Nachfolge von Maersk Mc-Kinney Møller, dem Haupteigner des Familienkonzerns, als Aufsichtsratsvorsitzender der gesamten Gruppe.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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