"Jetzt der beste Zeitpunkt für Frühinvestitionen"
Risikokapital für Hoffnungs-Werte

Trotz der Branchen-Flaute bieten einige Spezialisten der Telekom-Branche noch immer Wachstumschancen in Europa und den USA. Doch für die Wagnis-Finanzierer wird es schwieriger, die Investitionen zu Geld zu machen.

Viele vielversprechende Telekom-Neugründungen des vergangenen Jahres sind schon wieder Geschichte. Sie sind vom Markt verschwunden und haben den Investoren Verluste in zweistelliger Milliardenhöhe beschert. Und Entwarnung ist noch nicht in Sicht: Viele Marktbeobachter fürchten, dass ein Überangebot an Glasfaser-Kapazität und eine Schwemme an modernster Ausrüstung eine baldige Erholung der Branche verhindern.

Nach der großen Euphorie dreht sich das große Rad der Telekom-Industrie nun wieder langsamer. Wo legt in solch einer Zeit ein Risikokapitalgeber wie David Spreng, General Partner von Crescendo Ventures LCC im kalifornischen Palo Alto, das Geld seiner Firma an? Die Antwort überrascht: In Telekom-Unternehmen.

"In gewisser Weise ist jetzt der beste Zeitpunkt für Frühinvestitionen", sagt Spreng, dessen Unternehmen in diesem Jahr insgesamt 27 Millionen Dollar in fünf Telekom-Neugründungen investiert hat. "Einerseits ist derzeit weniger überflüssiges Geld im Markt, andererseits ist das Risiko gering, dass zu viele Wettbewerber finanziert werden oder Geld in zu viele unsinnige Geschäftspläne fließt."

In den vergangenen Jahren sind rund 80 der Telekom-Unternehmen, in die Crescendo investiert hat, gescheitert. So musste Crescendo zum Beispiel das Engagement über 28 Millionen Dollar in Telegis Networks Inc. im kalifornischen Los Gatos nach dessen Pleite Anfang des Jahres abschreiben. Telegis war nicht in der Lage, eine Milliarde Dollar für die Vervollständigung eines Internet-Netzwerks aufzubringen.

"Das hat weh getan, aber es ist nicht das Ende der Welt", sagt Spreng und weist gleichzeitig darauf hin, dass Crescendo unterm Strich mehr Gewinner als Verlierer im Portfolio hat. Trotzdem ist Crescendo in diesem Jahr vorsichtiger geworden. Statt der 103 Millionen Dollar, die im ersten Halbjahr 2000 in 25 neue Unternehmen investiert wurden, hat das Unternehmen nun 75 Prozent weniger Mittel bereitgestellt.

Das Beispiel Crescendo zeigt: Die Investitionsflut in den Telekom-Bereich in den USA und Europa ist stark abgeebbt, aber überraschenderweise wurde der Geldhahn nicht vollkommen zugedreht. Trotz aller gegenwärtigen Schwierigkeiten bietet die Branche immer noch Wachstumsmöglichkeiten - besonders für junge Unternehmen mit dem Potenzial für das richtige Produkt am richtigen Ort zur richtigen Zeit.

Looking Glass Networks Inc. ist solch ein Unternehmen. Der Neugründung mit Sitz in Oak Brook im US-Bundesstaat Oklahoma ist es im vergangenen Jahr gelungen, eine Finanzierung über 475 Millionen Dollar auf die Beine zu stellen. Sie ist eine unter mehreren amerikanischen Firmen, die sich auf den Aufbau von Glasfasernetzen in Großstadtgebieten stürzen. Während es bei landesweiten Langstrecken-Glasfasernetzen Überkapazitäten gibt, besteht in den meisten Stadtgebieten noch immer Kapazitätsmangel. Unternehmen, die diese lokalen Engpässe überbrücken können, und so die Internet-Nachfrage anregen, könnten groß ins Geschäft kommen.

Natürlich ist eine Finanzierung angesichts geringerer Investitionen schwieriger geworden: Wagniskapitalfonds haben in diesem Jahr in den USA 2,85 Milliarden Dollar in 180 Telekom-Neugründungen investiert. Im ersten Halbjahr 2000 flossen noch 7,55 Milliarden Dollar in 365 Unternehmen, berichtet Thomson Financial Venture Economics, ein Bostoner Unternehmen, das die Branche beobachtet. Im gesamten vergangenen Jahr haben Risikokapitalfirmen 17,48 Milliarden Dollar in 584 US-Unternehmen investiert.

Die Situation für europäische Startups ist ähnlich: auch sie erhalten weiterhin Finanzmittel, aber auf einem noch niedrigeren Niveau. In diesem Jahr haben laut Venture Economics 80 junge Unternehmen in Europa zusammen 968,9 Millionen Dollar erhalten. Es ist fast sicher, dass sie hinter dem Wert von 4,18 Milliarden Dollar zurückbleiben, die sie im Jahr 2000 aufgenommen haben. In Deutschland sieht es ähnlich aus, obwohl hier zu Lande der Geldhahn im Verhältnis weniger drastisch zugedreht wurde: Für die ersten zwei Quartale vermeldet der Branchen-Verband BVK Investitionen in Höhe von 307 Millionen Mark in 57 Unternehmen. Im vergangenen Jahr betrugen die Jahresinvestitionen etwas mehr als eine Milliarde Mark.

Den Markt belastet die Tatsache, dass es für Risiko-Investoren schwerer geworden ist, ihre Investitionen zu Geld zu machen, wenn Unternehmen, bei deren Finanzierung sie mitwirken, an die Börse gehen oder übernommen werden. Laut Thomson Financial gab es in diesem Jahr noch keine einzige Erstemission auf dem Telekom-Sektor, abgesehen von der Ausgliederung von Agere Systems Inc. in Allentown/Pennsylvania durch Lucent Technologies Inc. Auch Fusionen und Übernahmen sind selten geworden. Zum Vergleich: im ersten Halbjahr 2000 haben Telekom-Gesellschaften, die an die Börse gingen, rund 11,2 Milliarden Dollar an Emissionserlösen eingefahren.

Daher sind nach Einschätzung einiger Anleger die Investitionsaussichten für Telekom-Startups weiterhin unsicher. "Es ist unrealistisch, auf die Zahl der Transaktionen zu schauen oder gar auf die Dollar-Beträge", sagt Christopher Kersey, Partner bei Blueprint Ventures in San Francisco. "Bei vielen Finanzierungen sind die einzigen Leute, die noch Geld reinstecken, bereits bestehende Investoren." Und die investieren mit einem Abschlag, bei dem sie einen niedrigeren Preis für einen größeren Anteil bezahlen.

Crescendo setzt derzeit unter anderem auf den Investment-Geheimtipp "Lokale Glasfaser-Netzwerke". Zum Beispiel CityNet Telecommunications aus Silver Spring in Maryland. Das Unternehmen installiert, wie auch Looking Glass, lokale Netzwerke und setzt dafür einen in der Schweiz hergestellten Roboter in Abwassersystemen ein. In diesem Jahr hat sich die Firma eine Finanzierung über 175 Millionen Dollar gesichert plus 100 Millionen Dollar an Schuldenfinanzierung zusätzlich zu den 100 Millionen Dollar, die sie im April 2000 erhalten hat. Um die notwendige Due Diligence-Prüfung abzuschließen, ist einer der Partner von Spreng in das Abwassersystem von Albuquerque in New Mexico hinabgestiegen, um die Technologie vor Ort in Augenschein zu nehmen. Andere Telekom-Nischenanbieter, die finanziert werden, reichen vom Netzwerk-Management bis zur Software für künstliche Intelligenz, mit der Kommunikationssysteme effizienter arbeiten können.

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