„Jetzt ist Geiz geil“
Der ganz große Boom ist vorerst vorbei

Krisengerede, Zuschauerschwund - die Rezession macht auch vor der Formel 1 nicht halt. Der große Boom ist vorerst vorbei, Hockenheim muss erstmals massiv um Besucher werben, obwohl die WM an sich so spannend ist wie lange nicht mehr.

HB/dpa MÜNCHEN. "Im Moment muss man sogar sagen: Der Boom ist nicht gestoppt, sondern das Interesse ist rückläufig", beschrieb BMW-Motorsportdirektor Mario Theissen die Situation. Nach Jahren eines schier unglaublichen Aufschwungs muss sich die Formel 1 nun aktiv um Zuschauer bemühen, Reiseveranstalter bieten plötzlich günstige Last-Minute-Angebote an, die Vermarkter haben Grund zur Klage. "Ganz allgemein haben die Menschen nicht mehr so viel Geld in der Tasche", sagte der ehemalige Rallye-Weltmeister und heutige Marketing-Experte Christian Geistdörfer.

"Die Formel 1 erlebt seit Jahren einen Zuschauer-Boom ohne gleichen. Nicht jedes Jahr kann man da mit mit einer neuen Rekordzahl enden", meinte Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug, mahnte aber an: "Für meinen Geschmack dürften die Preise allerdings durchaus etwas niedriger sein."

Vor dem Großen Preis von Deutschland am Sonntag (14 Uhr/live in RTL und Premiere) in Hockenheim, in den Vorjahren meist ausgebucht, mussten die Tickets diesmal mit Plakaten, Print- und Hörfunkwerbung angepriesen werden. Noch immer sind Karten zu haben. Dabei wurde der Hockenheimring im Vorjahr für 62 Mill. ? modernisiert. Auch der zweite einheimische Grand Prix auf dem Nürburgring war nicht ausgelastet. Nach Silverstone kamen 70 000 Zuschauer statt wie früher 150 000, nach Imola auch nur noch die Hälfte einstiger Ströme.

Was sich im Vorjahr erstmals andeutete, setzte sich 2003 deutlich fort. Die Massen drängen sich nicht mehr so wie gewohnt, die Fans sind nicht mehr so leicht bereit, Hunderte von Euro für das PS-Erlebnis vor Ort auszugeben. "Die Zeiten des großen Geldes sind vorbei", sagte der Münchner Reise-Unternehmer Alexander Molz. Ein auf Sportreisen spezialisierter Kollege beklagt Einbußen von 40 %.

Auch das große Geschäft mit Firmenkunden - die mit VIP-Paketen für bis zu 5 000 ? versorgten Gäste von Unternehmen - ist rückläufig. Vor allem im Promi-Mekka Monaco. Auf "durchschnittlich zehn Prozent" pro Rennen schätzt Marketing-Experte Kolja C. Spöri, der auf Sponsoren-Vermittlung und Sponsoring-Umsetzung spezialisiert ist, den Rückgang: "In Monaco wage ich zu behaupten: 30 %."

"Die Formel 1 war ein ganz überhitztes Thema, jetzt kehrt der Sport zur Normalität zurück", sagte Geistdörfer. Die Vermarkter sehen das Problem "als Ergebnis der Gesamtkonjunktur", so Spöri. Der durchschnittliche Fan hat weniger Geld zur Verfügung. Und diejenigen, die noch genug hätten - wie diverse Unternehmen - wollen es nicht zeigen. "Jetzt ist Geiz geil", verwies Geistdörfer auf den Slogan einer Elektronikmarkt-Kette. Die Firmen, die Kunden früher zuhauf auf Luxusyachten zum Champagner-Umtrunk luden, hätten jetzt Angst, sich dadurch "in ein schlechtes Licht zu rücken". Nun, da es einen "allgemeinen Trend zum Jammern" gebe, sei das nicht opportun.

Kritik wird auch an den hohen Kartenpreisen laut. "600 ? für einen guten Tribünenplatz, und da ist noch nicht mal eine Currywurst dabei", so Spöri. Eine vergleichbare Karte für die DTM kostet rund 26 ?. Zudem ist das Geschehen trotz der spannenden WM für den Gast vor Ort laut Geistdörfer nicht interessant genug. Einzelzeitfahren und der Wegfall des Warmups seien "gähnend langweilig". Auch Haug monierte, dass dem Zuschauer am Renntag mehr geboten werden müsse: Mercedes versucht dies in Hockenheim, beispielsweise mit einem Besuch der Fahrer Kimi Räikkönen und David Coulthard auf der Tribüne.

Allerdings: Noch immer zieht die Formel 1 viele, viele Menschen in ihren Bann. Theissen setzt auf Globalisierung. "Wenn ich mir vorstelle, dass im nächsten Jahr China hinzukommt, dann wird hier ein Markt erschlossen, der einfach unglaublich groß ist." Spöri glaubt, dass die Formel 1 momentan sogar "absichtlich ein bisschen schlechter geredet" werde: "Die anderen Sportarten wären glücklich, wenn es ihnen so schlecht ginge wie der Formel 1."

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