Jetzt soll im Oktober wenigstens der WM-Titel her
Ullrich: „Olympia ist nicht das Größte“

Am Tag nach dem ernüchternden Einzelzeitfahren hat sich Jan Ullrich an einer ersten öffentlichen Problemanalyse versucht. Dabei fand der Rad-Profi nicht nur eine überraschend lapidare Erklärung für sein Abschneiden in Athen, sondern bewertete sein Abschneiden auch erstaunlich gleichgültig.

HB ATHEN. Der geplante Befreiungsschlag ging ins Leere. Beim olympischen Zeitfahren präsentierte sich Ullrich überraschend als sportliches Leichtgewicht, das über Rang sieben 1:30 Minuten hinter Olympiasieger Tyler Hamilton (USA) nicht hinauskam. "Ich wiege jetzt 71 Kilo. Ich war mit 68 Kilo nur einmal leichter: 1998 als ich durch einen Hungerast gegen Marco Pantani die Tour verlor. Mir fehlte einfach die Kraft, um die die großen Gänge zu treten", lautete eine seiner Begründungen für den unerwarteten Untergang des Topfavoriten in Vouliagmeni, dem noblen Badestrand der Athener. "Ich dachte, ich könnte meinen Körper noch einmal ausbeuten." Seine Vorbereitung auf die Sydney-Spiele war mit einer zur Hälfte gefahrenen Vuelta mit anschließender Erholung eine andere als 2004.

Wilde Gerüchte, die Ullrich in Athen eine nicht unbedingt wettkampfgerechte Vorbereitung unterstellten, mussten für manch anderen als Begründung herhalten. "Wenn ich eine schnelle Erklärung für seinen Auftritt hätte, hieße das, dass wir uns vorher die Möglichkeit eines solchen Scheiterns hätten vorstellen können", sagte Mario Kummer, sowohl sein Team-Chef bei T-Mobile, als auch der Verantwortliche in Athen für die Straßen-Mannschaft. Auch die moralische Unterstützung seines kurzfristig eingeflogenen Betreuers Rudy Pevenage, der sich ohne Akkreditierung kurz auf die Strecke gemogelt hatte, nütze Ullrich nichts. Eigentlich war der Belgier gekommen, weil "ich dabei sein wollte, wenn es etwas zu Feiern gibt". Die Fete fiel ins Wasser.

Auf der sportlichen Haben-Seite dieser vermurksten Saison steht bei Ullrich lediglich der - gemessen an den Ansprüchen - bescheidene Tour-de-Suisse-Erfolg. Rang vier in der Tour-Abrechnung, der 19. Platz im Straßenrennen und sein olympisches Debakel auf seiner Spezialstrecke wiegen auf der anderen Seite schwer. Jetzt plant der 30 Jahre alte Olympiasieger von Sydney einen WM-Auftritt im Oktober in Italien, um sich doch noch als strahlender Sieger zu präsentieren. "Am Sonntag fahre ich beim Weltcup in Zürich. Nach zwei kleineren Rennen lege ich dann eine zweiwöchige Pause mit ruhigem Training ein. Vielleicht komme ich für die WM nochmal in Schwung", meinte Ullrich, der mit dieser Saisonplanung allerdings auch riskiert, sein Leiden der Leistungseinbrüche zu verlängern.

Im intensiven Gespräch mit seinem Team-Manager Walter Godefroot, der ihn nach der Tour öffentlich hart kritisiert hatte, will Ullrich den Weg für eine glücklichere Saison 2005 ebnen. "Wenn alles geklärt und justiert ist, was im Team und auch bei mir schief gelaufen ist, können wir die nächste Tour de France in Angriff nehmen", sagte Ullrich, der sich auch damit tröstete: "Für uns Radprofis ist Olympia nicht das Größte - auch wenn das komisch klingt." Auch eine Aussprache mit der "Bild-Zeitung" könnte anstehen, die ihren einstigen Liebling seit der Tour besonders rüde behandelt. "Die sind sauer, weil ich den Vorabdruck meiner Biografie nicht dort veröffentlichte. Vielleicht können wir uns ja mal an einen Tisch setzen", sagte Ullrich.

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