Jobvermittlung in Großbritannien
Ein Job für Grace

Bessere Vermittler? Job-Angebote, die passen? Zusammenlegung von Arbeitsamt und Sozialbehörden? Viele Pläne, die den deutschen Arbeitsmarkt erst noch reformieren sollen, sind in Großbritannien schon Realität. Wer wirklich Arbeit will, hat es auf der Insel besser.

LONDON. "Nein, Sie werden sich auf keinen Fall für einen Job unter 15 000 Pfund bewerben. Mit ihrer Berufserfahrung! Da wären wir ja auf Anfängerniveau." Strahlend sitzt Caroline Brooks im Sessel und strömt Vertrauen aus. Dezentes Make-up auf dunkler Haut, jedes Wort gut getimt, sie wäre eine gute Verkäuferin. Stattdessen sucht sie Jobs für Langzeitarbeitslose.

Ihre Kundin Grace hat sich nicht in einen der bequemen Sessel gefläzt. Sie sitzt steif und leicht erhöht auf einem harten Plastikstuhl. Da, so sagt die 44-jährige Arbeitslose fast entschuldigend, fühle sie sich wohler. Sie ist noch misstrauisch. Seit zwei Jahren ist sie nun arbeitslos, seit sie durch den Tod ihres Mannes in ein persönliches Loch fiel. Nun geht Caroline, die persönliche Beraterin, mit ihr den "Action Plan" durch.

In die Ealing Road im Londoner Stadtteil Brent werden die hartnäckigen Fälle geschickt. Wer länger als 18 Monate arbeitslos ist, wird ein Fall für "Working Links", eine vor zwei Jahren speziell zur Bekämpfung der Langzeitarbeitslosigkeit gebildete "privat-öffentliche Partnerschaft". Die Gruppe operiert in neun der 15 britischen "Employment Zones", Regionen mit besonders hoher Arbeitslosigkeit. Beteiligt sind das staatliche "Job Centre", die internationale Personalagentur Manpower und Cap Gemini Ernst & Young. Man arbeitet auf Erfolgsbasis. Bezahlt wird, wenn ein Jobsucher für mindestens 13 Wochen eine Arbeit hat.

Großbritannien hat nur 5,1 Prozent Arbeitslose. Und die regierende Labour-Partei hat ein Motto, das der Staatssekretär im Arbeitsministerium, Nick Brown so formuliert: "Wer arbeiten kann, soll arbeiten." Die Briten führen schon jetzt ein, was in Deutschland erst kommen soll. Die Vermittler verdienen erfolgsabhängig. Die Arbeitslosen erhalten speziell auf sie zugeschnittene Angebote. Aber sie werden auch unter Druck gesetzt. Wer sich nicht bemüht, wieder einen Job zu ergattern, bekommt nur noch Sozialhilfe. Die Zusammenlegung von Arbeitsberatung und den Zahlstellen für Sozialbeihilfen bis hin zu Wohn- und Behindertengeld hilft dabei. Alle, auch allein erziehende Mütter und Behinderte, müssen nun zum Interview bei der Jobstelle antreten.

Arbeitsvermittlung im sozialen Brennpunkt

In Brent ist eines der ersten Ämter, die bereits nach dem neuen Modell funktionieren. Der Londoner Stadtteil hat kulturell und ethnisch die größte Durchmischung aller britischen Kommunen. Die Arbeitslosigkeit liegt 40 Prozent über dem nationalen Durchschnitt. 19 Prozent der Einwohner können nicht rechnen und schreiben. Bei vielen reicht auch das Englisch nicht.

Die Arbeitslosen, die bei Working Links an der Tür klingeln, werden wie beim Arzt ins Wartezimmer gebeten. "Wir setzen auf eine langfristige und persönliche Beziehung mit unseren Klienten", sagt der Chef der Vermittlungsstelle, Seth Opuni.

"Vereinbarung zwischen Grace A. und Caroline Brooks", steht über dem Action Plan. Beide verpflichten sich per Unterschrift, auf das festgelegte Ziel hinzuarbeiten: einen Job für Grace als Angestellte einer Wohnungsverwaltung. Die gebürtige Ghanaerin hat eine dreijährige Ausbildung und zwei Jahre Berufserfahrung bei einem Wohnungsamt vorzuweisen. Aber nun ist sie schon zwei Jahre auf Arbeitssuche und hat trotz vieler Bewerbungen bisher nicht einmal einen Gesprächstermin bei einem Arbeitgeber bekommen. "Irgendetwas macht sie falsch", sagt Caroline. Von nun an will die Beraterin alle Bewerbungsschreiben persönlich kontrollieren.

Zwischenlösung: ein Kurzzeitjob

Carolines Aufgabe ist es, Grace in die Arbeitswelt zurückzuführen. Zunächst wird Grace ein dreiwöchiges Kommunikations- und Persönlichkeitstraining erhalten. "Das bringt Sie morgens schon mal aus dem Bett", sagt Caroline. Dann muss Grace ihre Kenntnisse der neuesten Wohnungsgesetzgebung in der Ortsbibliothek auffrischen, damit sie auf einen Fachkurs mit anschließendem Praktikum geschickt werden kann. Der kostet 350 Pfund (mehr als 500 Euro). Auch das Fahrgeld wird erstattet, 16,50 Pfund pro Woche.

Caroline sucht auch nach einer Kurzzeitanstellung für Grace, falls es mit dem Dauerjob nicht auf Anhieb klappt. "Wichtig ist, dass wir nun ein aktives Bild für die Arbeitgeber schaffen." Grace nickt. Alle zwei Wochen wird der Plan überprüft, aber Grace und Caroline haben mehrmals pro Woche Kontakt. Am Ende winkt nicht nur der Job. Grace erhält laut Vertrag 200 Pfund Bonus, wenn sie 13 Wochen lang in Arbeit steht.

"Working Links identifiziert die Hürden und beseitigt sie", erklärt Seth Opuni. "Dazu sind oft Änderungen im Lebensstil nötig, und wir haben dazu, anders als die normalen Job Centres, auch die finanzielle Flexibilität." So kann Working Links einem, der sich selbstständig als Bauarbeiter verdingen will, das Geld für die nötigen Werkzeuge geben. Man kann einem Jobbewerber auch mal Anzug und Krawatte kaufen. Caroline und Grace diskutieren, ob nicht ein Führerschein nötig wäre. Aber das kommt später.

Keine Hilfe ohne Gegenleistung

"Keine Hilfe ohne Gegenleistung", lautet das Labourmodell. Nick Brown im Ministerium weiß von betrügerischen Arbeitslosen, die in Wahrheit schwarzarbeiten und solchen, die lieber einen "alternativen Lebensstil" pflegen. "Aber früher oder später finden wir die", sagt er.

Auch bei Working Links wird genau hingeschaut. 46 Prozent der Langzeitarbeitslosen finden hier einen Job, von denen wiederum 82 Prozent länger als 13 Wochen dabei bleiben. Und die 54 Prozent nicht Vermittelten? "Viele von ihnen stehen gar nicht für den Arbeitsmarkt zur Verfügung. Sie haben vielleicht mentale oder Gesundheitsprobleme und werden dann an andere Behörden verwiesen", erklärt Opuni.

Kritiker werfen Labour vor, ein großer Teil der Arbeitslosen verschwinde auf diese Weise in den Krankenlisten. Die gute Konjunktur, nicht Labours Arbeitsmarktpolitik habe die Arbeitslosigkeit abgebaut, kritisieren die Konservativen. Auch Staatssekretär Brown betont, wie unabdingbar die makroökonomischen Rahmenbedingungen für den britischen Erfolg seien.

Das "Institute for Fiscal Studies" glaubt, dass immerhin 20 Prozent mehr arbeitslose Jugendliche durch Labours "New Deal"-Programm einen Job gefunden haben, als das ohne der Fall gewesen wäre. Die Kosten dafür lagen nach Angaben der Buchprüfer von der National Audit Office bei über 5 000 Pfund pro Vermittlung.

Doch solche Investitionen lohnen sich, glauben die Arbeitsvermittler. "Als in den neunziger Jahren der Wirtschaftsaufschwung anfing, machte das für unsere Klientel kaum einen Unterschied", sagt Seth Opuni. Chris Nichol, Leiter des Londoner Arbeitsamtsbezirks Lambeth, fügt an: "Was wir tun, hat auch Auswirkungen auf Kriminalität und öffentliche Ordnung. Und der Arbeitsmarkt ist keine fixe Größe. Wenn wir mehr arbeitsbereite Menschen anbieten, wächst der Arbeitsmarkt."

Ob Grace Erfolg haben wird? Caroline gibt sich zuversichtlich. "Ich sehe, wie sich das Leben unserer Klienten ändert. Das macht mir die meiste Freude." Nur dass Grace sich fragt, warum sie eigentlich 18 Monate auf Working Links warten musste. "Wenn ich vor einem Jahr gekommen wäre, hätte ich jetzt schon einen Job."

Quelle: Handelsblatt

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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