John de Mol befürchtet Kreativitätskrise im Fernsehen
Endemol zieht es nach Fernost

Der Fernsehproduzent Endemol will mit der Entwicklung neuer Formate für UMTS-Mobiltelefone und einer Expansion nach Russland und Fernost das Wachstum früherer Jahre wieder erreichen.

DÜSSELDORF. Die Endemol Entertainment Holding, Tochter des spanischen Telekommunikationskonzerns Telefónica, leidet wie andere Fernsehproduzenten unter der Krise im europäischen Fernsehmarkt. "Die Sender stehen unter Druck. Wir spüren die Rezession allerdings erst mit Verspätung", sagte der 47-jährige Medienunternehmer John de Mol dem Handelsblatt. Endemol - nach der RTL-Tochter Fremantle Media größter TV-Produzent in Europa - sieht sich daher nach neuen Wachstumsmärkten um.

Weil in Europa und den USA kein Wachstum mehr zu erwarten ist, Endemol vor allem in Russland, China, Japan und Lateinamerika zulegen. "Ich werde mit Endemol in vier bis fünf Jahren den Umsatz verdoppeln", verspricht Firmengründer und Kreativchef de Mol

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Vor allem der Gesellschafter Telefónica verlangt trotz des schwierigen Marktes ein stürmisches Wachstum. Schließlich hatten die Spanier vor zwei Jahren rund 5 Mrd. Euro für die in Hilversum ansässige Firma hingelegt. Im ersten Halbjahr dieses Jahres setzte Endemol mit 373 Mill. Euro 17 % weniger um als im Vorjahreszeitraum. Dennoch erreichte die TV-Produktionsgruppe (Big Brother, Wer wird Millionär, Nur die Liebe zählt) eine Umsatzrendite von 18,5 %.

Verhandlungen zwischen Telefónica und der zu Bertelsmann gehörenden RTL Group über einen Verkauf von Endemol waren letztes Jahr im Sande verlaufen. John de Mol ist mit seinem Partner Telefónica zufrieden. Der Madrider Telekomriese leistet schließlich wertvolle Hilfestellung, um einen weiteren Wachstumsmarkt zu erschließen: Angebote für UMTS-Handys. Derzeit arbeitet Endemol an eigenen Formaten für die Mobilfunkgeneration der Zukunft. Es ergäben sich vollkommen neue Möglichkeiten im Marketingbereich. "Die Werbekunden wollen immer genauer ihre Zielgruppen ansprechen. Der 30-Sekunden-Spot ist nicht ausreichend. Wir werden neue Werbeformen in unsere Formate integrieren", sagt de Mol. Um seinen ehrgeizigen Expansionskurs voranzutreiben, schließt er Akquisitionen nicht aus. "Wir werden kleine Firmen mit großem kreativen Potenzial kaufen", kündigte er an.

De Mol macht sich aber auch Gedanken um das Fernsehen von morgen. "Meine größte Sorge ist, dass es in Zukunft nicht genügend Kreativität gibt", sagt er. Als Ausdruck der Kreativitätskrise sagt er die Wiederbelebung alter Formate aus den siebziger und achtziger Jahren voraus. "Ich glaube, es wird einen Revival alter Formate wie die Traumhochzeit geben", prognostiziert de Mol. Vor allem bei den von der Werbekrise gebeutelten deutschen Sender sieht de Mol kaum Bereitschaft zu Experimenten. "Die Innovationsbereitschaft der Sender ist ganz unten", bestätigt auch Borris Brandt, Geschäftsführer von Endemol Deutschland in Köln.

Dennoch arbeitet der Fernsehproduzent in Deutschland mit Hochdruck an neuen Programmideen. Endemol entwickelt derzeit unter dem Arbeitstitel "Die Stadt" ein neues "Socialtainment"-Format.Die Docu- Soap spielt in der von Arbeitslosigkeit geprägten Stadt Artern in Thüringen. Die Einwohner wollen mitmachen. Gesucht werden in der wöchentlichen Serie dann etwa Investoren und Arbeitgeber, die den Ort wirtschaftlich voranbringen sollen. Derzeit verhandelt die deutsche Endemol-Tochter mit einem öffentlich-rechtlichen Sender über den Verkauf des Fernsehformats.

Endemol hatte auf dem deutschen Markt zuletzt eine Schlappe erlebt. Das in Spanien erfolgreiche Musikformat "Operacíon Triunfo" konnte weder an den Stammkunden RTL noch an einen anderen Sender verkauft werden. Statt dessen deckte sich RTL mit "Deutschland sucht den Superstar" (Pop Idol) bei der eigenen Produktionstochter Fremantle Media ein.

Quelle: Handelsblatt

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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