John McCain: Heute hü, morgen hott

John McCain
Heute hü, morgen hott

John McCain wäre, würde er gewählt, der älteste Politiker, der je zum ersten Mal ins Weiße Haus eingezogen ist - älter noch als Ronald Reagan, der bei seiner Vereidigung 69 Jahre alt war. Und es wäre der ultimative Härtetest für den Politiker. Denn um seine Gesundheit ranken sich immer wieder Gerüchte.

WASHINGTON. Weil ein über 70 Jahre alter Politiker so gar nicht in das auf Jugendlichkeit getrimmte amerikanische Bild passt, wählte John McCain vorgestern Nacht den Kontrapunkt. Im Kaminsessel von CBS-Late-Night-Talker David Letterman gab der Senator aus Arizona ganz locker seine Bewerbung für den Spitzenjob im Weißen Haus ab. Nachdem er seine Botschaft losgeworden war, dirigierte er lässig ein paar Takte für die Studioband mit. "Bin ich wirklich schon 70?" schien der Republikaner fragen zu wollen. Seht mich an, keine Spur davon - und Tusch.

Mit McCain haben sich nun die Topfavoriten im Kampf um die amerikanische Präsidentschaft auf beiden Seiten formiert. McCain, Rudy Giuliani und Mitt Romney im Lager der Republikaner, Hillary Clinton, Barack Obama und John Edwards bei den Demokraten. Vom Sog der Wahlen im November 2008 konnte sich nun auch McCain nicht mehr frei machen und warf - wie alle anderen - eigentlich viel zu früh seinen Hut in den Ring. Ab jetzt wird der Vietnam-Veteran 20 Monate Wahlkampf zu bestreiten haben. Es wird der ultimative Härtetest für einen, um dessen Gesundheit sich immer wieder Gerüchte ranken.

Schwer gelitten hatte McCain in den fünfeinhalb Jahren nordvietnamesischer Gefangenschaft im "Hanoi Hilton", dem Hoa-Loa-Gefängnis, das wegen seiner miserablen Bedingungen gefürchtet war. Unter Folter und täglichen Demütigungen unterschrieb der Kampfjetpilot irgendwann ein anti-amerikanisches Propagandapapier. McCain reut diese Tatsache bis heute, auch wenn sie eigentlich längst vergessen ist. Nicht vergessen aber sind die Bilder von einst, etwa dies: McCain, gestützt auf Krücken, schüttelt nach seiner Entlassung 1973 die Hand von US-Präsident Richard Nixon. Das Foto zeigt einen Mann, der einen hohen Preis für sein Land bezahlt hat und der seine Wunden nicht mehr verbergen kann.

Das ist McCains Plus und Handicap zugleich. Seine Biografie verschafft ihm höchste Glaubwürdigkeit - aber sie hat auch tiefe Spuren hinterlassen. Und die sind immer wieder Anlass zu Zweifeln an seiner Befähigung für das höchste Staatsamt. Denn der 70-Jährige gilt als emotional instabil, aufbrausend und zuweilen unüberlegt. Das macht ihn zwar einerseits sympathisch, weil er auch immer wieder bereit ist, gegen den Mainstream - auch innerhalb seiner Partei - zu schwimmen. Gleichzeitig aber gilt er deshalb auch als "maverick", als Eigenbrötler.

Eine Kostprobe hiervon lieferte McCain erst jüngst wieder, als er blitzartig seine Meinung über Donald Rumsfeld änderte. Als der umstrittene Verteidigungsminister im November kurz nach den Kongresswahlen seinen Abschied nahm, lobte McCain ihn noch als Politiker, der "den Respekt und die Dankbarkeit der Amerikaner" verdiene. Nur vier Monate später, letzte Woche bei einem Aufenthalt in South Carolina, erklärte McCain, Rumsfeld werde als einer der schlechtesten US-Verteidigungsminister in die Geschichte eingehen. Zuvor hatte er bereits Vizepräsident Dick Cheney abgebürstet. Bush höre zu sehr auf Cheney, der so wie Rumsfeld den Irak-Krieg miserabel gemanagt habe. Später entschuldigte sich McCain beim Vizepräsidenten. Die Liste erstaunlicher politischer Volten ließe sich mühelos verlängern, etwa um die Kehrtwende McCains gegenüber den einst von ihm als "Agenten der Intoleranz" gescholtenen religiösen Rechten.

Dabei weiß der Vater von sieben Kindern, wie ein Präsidentschaftswahlkampf funktioniert. Denn schon im Jahr 2000 bewarb er sich um das republikanische Ticket - und verlor erst nach einer unfeinen Kampagne seines Kontrahenten George W. Bush. Damit sich das nicht wiederholt, wird sich McCain vor allem mit New Yorks Ex-Bürgermeister Rudy Giuliani beschäftigen müssen, der in den Umfragen klar vorn liegt. Doch bedeutet das in dieser Frühphase des Wahlkampfs noch wenig - denn auch Giuliani hat noch Leichen im Keller.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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