Joschka Fischer wird 60 Jahre alt
Party für den Rock 'n' Roller

Vom Straßenkämpfer brachte er es zum Turnschuh-Minister in Hessen, später dann als "heimlicher Vorsitzender" der Grünen zum Außenminister und Vizekanzler. Am 12. April wird Polit-Rentner Joschka Fischer 60 Jahre alt - und feiert im Berliner Szene-Treff.

BERLIN. Als er seinen Hut nahm, sagte Joschka Fischer 2005: "Mit der Unterschrift unter den hessischen Koalitionsvertrag habe ich Freiheit für Macht eingetauscht. Jetzt will ich meine Freiheit zurückhaben." Dass er es damit ernst meinte, glaubten damals wenige. Doch der Altmeister der Grünen, selbst ernannter "Rock 'n' Roller der Politik", mutierte quasi über Nacht zum Elderstatesman, zog sich mit seiner fünften Ehefrau Minu Barati in ein Anwesen in unmittelbarer Nachbarschaft des Schlosshotels in Berlins Nobelviertel Grunewald zurück und mischte sich nicht mehr ein.

Im kleinen, feinen Kreis feiert er auch seinen 60. Geburtstag am morgigen Samstag - an der neuesten Top-Adresse der Hauptstadt, dem "Grill Royal" am Spreeufer. Hausgetränk im Edelsteakhaus ist "Krug-Champagner". Die Bundestagsfraktion ehrt den Übervater der Grünen eine gute Woche später im Haus der Kulturen der Welt, besser bekannt als "schwangere Auster", hinterm Kanzleramt. Die Partei begnügt sich mit besten Wünschen - Fischer und Parteichef Reinhard Bütikofer verbindet seit jeher innige Abneigung.

Der ehemalige Straßenkämpfer Joseph Martin Fischer, der es ohne Abitur nicht nur zum De-facto-Parteichef, sondern auch zum Außenminister und Vizekanzler brachte, betätigte sich nach dem Ausstieg zunächst als Gastprofessor in Princeton, hielt Vorträge und arbeitete an seiner Biografie, von der bislang der erste Teil "Die rot-grünen Jahre - Vom Kosovo bis zum 11. September" erschien.

Dann jedoch juckte es das "political animal" doch wieder. Nun kommentiert er jeden Montag die politische Weltlage auf Zeit.de - von der Nato über Tibet bis zur Atomfrage. Einmal kehrte das "Wahlkampfschlachtross", wie ihn Parteifreunde noch heute hochachtungsvoll nennen, gar in den Wahlkampf zurück: In seiner alten Heimat Hessen, wo Rot-Grün 1985 das erste Mal überhaupt in einem Land an die Macht kam, wetterte er im Januar gegen den "unanständigen" ausländerfeindlichen "Duodezfürsten" Roland Koch.

Als der frühere hessische Turnschuh-Minister, der als Außenminister jahrelang die Rangliste der beliebtesten Politiker anführte, in Wiesbaden das Wahlvolk rief, kamen fast 1 000 Leute. Seine grünen Nachfahren können davon nur träumen. Einerseits sind sie froh, den übermächtigen, alle anderen in den Schatten stellenden Fischer los zu sein.

Doch je näher die Bundestagswahl 2009 rückt, desto klarer wird auch, dass der erste Nach-Fischer-Wahlkampf verteufelt schwer wird. Nicht nur weil der Popstar der Grünen medientechnisch vorerst unersetzbar bleibt, auch die inhaltlichen Highlights von 1998 - Atomausstieg, Ökosteuer, Homoehe - sind aktuell kaum zu toppen.

Neuerdings gibt es sogar wieder vage Spekulationen, Fischer könnte doch noch zu einem Spitzenamt in Brüssel kommen. Wenn im Januar 2009 der Reformvertrag in Kraft tritt, braucht die Union sowohl einen Kommissionspräsidenten als auch einen Ratspräsidenten und einen Außenminister. Angeblich soll Fischer kein Interesse haben. Das können Weggefährten allerdings kaum glauben: "Wenn die EU Joschka tatsächlich das Außenamt anbietet, ist es kaum vorstellbar, dass er das nicht annimmt", heißt es in der Fraktion.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin
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